IKEA, samstags, kurz vor Weihnachten

Es gibt sicher günstigere Momente, zu IKEA zu fahren um einen BESTA-Schrank mit VARA-Tür zu erwerben als an einem Samstag in der Vorweihnachtszeit. Da verspüren seltsamerweise Tausende gleichzeitig den Wunsch, ihre Lieben unterm Christbaum mit Yuccapalmen, KORKPLAT-Topfuntersetzern und SLAFGUD-Bettwäsche zu beglücken. Wäre man Verschwörungstheoretiker, könnte man jetzt vermuten, in der IKEA-Family-Card sei ein Mikrochip eingebaut, der immer vor Weihnachten Signale an das Hirn ihrer Inhaber sendet und dort millisekundenkurze, unterschwellige Bildsequenzen schwedischer Wohnidyllen in rotweißen Holzhäusern erzeugt.

Für meinen Entschluss, an einem Samstag kurz vor Weihnachten zu IKEA zu fahren, waren aber keine elektromagnetischen Wellen verantwortlich, sondern die wiederholten, in leichtem Nörgelton vorgetragenen Beschwerden meines Mannes, er brauche dringend einen neuen Kleiderschrank für seine Winterpullis (unsere Rollenverteilung ist nicht eben klassisch).

Vor der Ausfahrt herrscht kein Stau und wir finden auch sofort einen Parkplatz. Zufall? Satellitengestützte Steuerung der Besucherströme über den Chip in der IKEA-Family-Card? Die kollektive Erwartung eines Massenandrangs und in der Folge der kollektive Entschluss, zu Hause zu bleiben? Der wahre Grund steht in fetten Lettern auf einem übersimensionalen Schild in der Eingangshalle: Wegen eines Streiks könne es zu längeren Wartezeiten an den Infoständen und Kassen kommen. Wahrscheinlich warnt man davor schon seit Tagen per Hörfunk, Hotline und Family-Card-Infosystem.

Aber gut, auf lange Wartezeiten an den Kassen bin ich ohnehin eingestellt und die Infostände gedenke ich nicht in Anspruch zu nehmen. Entgegen der Absicht meines Mannes, sich erstmal umzuschauen und mit dem Gratis-Papier-Metermaß von IKEA alle Bonde- und Billy-Schrankwände vor Ort einzeln auszumessen, habe ich im Vorfeld die Schrankwand-Planer-Seiten im Katalog konsultiert und weiß genau, welcher Schrank es sein soll.

Wir müssen dann doch am Infostand anstehen, weil irgend jemand nicht kapiert hat, wofür die ganzen Selbstbedienungssäulen mit den Bleistiften und Blöcken da sind, und den Artikelinfo-Zettel mit der Angabe des Regalfachs, in dem BESTA in der SB-Halle lagert, vom Ausstellungsstück gerissen und mitgenommen hat. Letztlich sind wir dem Kunden mit der langen Leitung aber dankbar, denn so erfahren wir, dass zwar der Schrank vorrätig ist, aber nicht die Tür. Wir machen trotzdem nicht auf dem Absatz kehrt, denn wer weiß? Sonst sagt man uns vielleicht in 2 Wochen, dass jetzt zwar die Tür da ist, aber nicht der Schrank: Entdecke die Möglichkeiten!

Vom Streik merkt man nicht viel. Zumindest nicht am Personalaufkommen. Dafür werden die Besucher über Lautsprechersystem von der Geschäftsleitung darüber in Kenntnis gesetzt, dass IKEA seine Mitarbeiter nicht nur übertariflich bezahlt, sondern ihnen sogar das inzwischen rar gewordene Weihnachts- und Urlaubsgeld zugesteht, selbige ihrem Arbeitsgeber ergo dankbar sein sollten, statt Köttbuller zu zählen und herumzumalmöen. Mich persönlich stimmt so eine defensive PR-Strategie eher misstrauisch. Das weckt in mir Kindheitserinnerungen. Da der Versuch, die Knete im Teppich oder die Fernbedienung im Aquarium einfach totzuschweigen, meistens fehlschlug, habe ich auch immer schon im Voraus meine Version der Geschichte zum Besten gegeben.

Die Schlange beginnt, als die Kasse noch außer Sichtweite ist. Mein Mann stellt sich ohne Murren und Knurren mit der Geduld und dem Gesichtsausdruck eines Zen-Buddhisten hinten an. Vermutlich sortiert er bereits mental seine Winterpullis in die Schrankfächer ein (während ich mental versuche, die Innenraummaße unseres Twingos mit dem 2-Meter-Paket in unserem Einkaufswagen in Einklang zu bringen). Jedenfalls kann er offenbar auf mich als Entertainer während der Wartezeit verzichten, was mir die Möglichkeit gibt, das Weihnachtssortiment im Kassenbereich zu begutachten. Absolutes No-Go dieses Jahr unterm Christbaum: Das traditionelle Sternen-Engelchen-Weihnachtsmänner-Geschenkpapier mit getrullertem Hochglanzgeschenkband. Understatement ist angesagt, schichte, opake Oberflächen in Mokka und Siena, dazu geflochtene Schurwollkordeln. Ich trage eine Auswahl davon zum Einkaufswagen, muss sie aber wieder zurücklegen, weil mein Mann es gar nicht lustig findet, dass ich sein Geschenk in Packpapier einwickeln und mit Bindfaden verschnüren will. Die Design-Abteilung von IKEA hat aber noch mehr trendy X-Mas-Accessoires entworfen: zum Beispiel runde Grußkarten mit IKEA-Gardinen-Muster und mit Stricklieslschnüren umwickelte Weihnachtsbaumkugeln. Kerzen gibt’s dieses Jahr nur im XXL-Format. Also wenn ich mir vorstelle, mein Wohnzimmer mit Ein-Meter-Zwanzig-Kerzen mit 30 Zentimeter Durchmesser zu dekorieren, mal ehrlich, was denken denn dann die Nachbarn von mir?

Der Schrank ist inzwischen aufgebaut, und mein Mann hat auch sofort seine Winterpullis einsortiert, obwohl die in Ermangelung der Schranktür langsam einstauben. Aber wer weiß, wann die wieder erhältlich ist. Vielleicht besorge ich mir eine IKEA-Family-Card und springe dann gleich ins Auto, wenn eine buchefarbene VARA-Tür vor meinem inneren Auge erscheint.

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