Personal novels

Geschenke mit persönlicher Note kommen ja bekanntlich besser an als Krawattennadeln von Tchibo oder Körperpflegesets mit Kokos-Aroma. Wenn Sie so Ihre Zweifel haben, ob Ihre Liebste es Ihnen danken wird, wenn Sie zum Pinsel greifen und ihr Antlitz in Öl auf Leinwand verewigen, oder ob Ihr Liebster die selbstklebende Abziehfolie mit Ihrer Liebeserklärung in Versform tatsächlich auf der Heckscheibe seines tiefergelegten Puntos anbringen wird, dann schafft vielleicht die neue Produktlinie des Kulturvereins „Books on demand“ Abhilfe.

Personal novels sind Romane, die exklusiv für denjenigen verfasst werden, den Sie unterm Christbaum mit Ihrem Einfallsreichtum und Ihrem feinen Gespür für geschmackvolle Gaben beschämen wollen. Der Bestellvorgang geht folgendermaßen vonstatten:

Sie wählen zunächst eine Gattung. In der Kategorienliste sind nicht nur alle großen, zeitlosen Genres der abendländischen Literatur vertreten (Liebe, Abenteuer, Mystery und „klassisch“), sondern auch maßgeschneiderte Gattungen für „den richtigen Ton“, wie „Gleich&Gleich“ oder „Freche Mädchen“. Nehmen wir an, Sie entscheiden sich für die Gattung „Liebe“.

Sie wählen alsdann eine Romanvorlage, z.B. „Venezianische Nächte“. Die bündige Kurzzusammenfassung informiert Sie über das Wesentliche: „Liebesgeschichte mit Heiratsantrag“. Namen, Kosenamen, Haar- und Augenfarbe der Figuren bestimmen Sie selbst: Der rothaarige Ralf alias Schnuffelchen, Herzog von Venedig, und die blonde Mausi-Franzi mit den blaugrauen Augen aus Palermo sind dann z.B. die Protagonisten Ihrer personal love story. I.d.R besetzen Sie die Hauptrollen mit sich selbst und Ihrer besseren Hälfte, wobei Sie die Figurenkonstellation theoretisch auch für andere Zwecke missbrauchen könnten, etwa um Ihrem Liebling durch die Blume mitzuteilen, dass Sie seit geraumer Zeit von einem heißblütigen Venezianer umschwärmt werden, den Sie in Bälde zu heiraten gedenken. In diesem Fall kommen die Liebesszenen, von denen man Ihnen vorab eine kostenlose Kostprobe darbietet, sicher besonders gut an. Sie können dabei wählen zwischen der „Variante lässig“ und der „Variante rassig“. Hier mal ein (aus Gründen der bienséance zensierter) Auszug aus der „Variante rassig“:

„Sie biss […] während er […] und […] ihre Schenkel […]. Laura stöhnte […] während er […] zwischen ihren Beinen […]. […] Körper, […] Feuchtigkeit […]. […] murmelte Ernesto […], aber Laura […] fühlte nur, wie […] immer stärker […]. Ihre […] klebten […]. „[…]“, keuchte er. „Wenn du […], geht es leichter.“ Laura […] wild. Ihre […] feuchten […] seines […]. Der […] zwischen ihren Beinen […] unbarmherzig […], während […] Mann […] in kurzen, heftigen Stößen […].“

Jetzt müssen Sie nur noch einen Einband wählen und die gewünschte Anzahl an Exemplaren bestellen, und schon sind Freudenschreie und feuchte Augen am Gabentisch garantiert.

Personal novels eignen sich auch, um mal ganz perfide zu testen, ob man Ihre Geschenke überhaupt wertschätzt. Dazu bennenen Sie nicht einen der Protagonisten nach Ihrem Opfer, sondern irgendeine Randfigur, die auf S. 187 zum ersten und einzigen Mal die Bühne des Geschehens betritt. Wenn dann besagte Person auf Ihre Nachfrage hin, wie ihr der Roman denn gefallen habe, lediglich scheinheilige Allgemeinplatz-Lobhudeleien wie „Oh, wunderbar, so spannend, mir ist glatt die Gans im Ofen verkohlt!“ ausstößt, tja, dann wissen Sie, im kommenden Jahr schenken Sie ihr den badkachelblauen Porzellanschwan, den Sie eigentlich für den nächsten Polterabend aufgehoben hatten.

Ich persönlich vermisse in der Romanvorlagenauswahl ja die großen Kanonwerke der Weltliteratur. Eigentlich hatte ich vor, mal bei den Autorinnen und Autoren unverbindlich anzufragen, ob sie mir nicht „Romeo und Julia“ liefern könnten, aber mit Happy End, mir und meinem Hasenschnucki in den Hauptrollen und Klein-Vierwiesenhahn als Schauplatz. Gerne im englischen Original, wobei die vielen schwierigen Wörter, die man in der Schule nunmal nicht lernt, natürlich durch leicht verständliche Synonyme hätten ersetzt werden müssen. Am liebsten hätte ich den Germanisten oder Anglisten, den BoD für 4,50 Euro die Stunde als Autor beschäftigt, persönlich an der Strippe gehabt und um seine Meinung gebeten. Die Angelegenheit hat sich aber erübrigt, ich habe jetzt doch schon ein After Shave besorgt.

Die Personalisierung von Kanonwerken würde ja ganz neue Perspektiven eröffnen. Da könnte man den Chef eines morgens als fetten Käfer erwachen lassen, seine verflossenen Lieben je nach Schwere der Schuld auf Dantes zehn Höllenkreise verteilen oder im Stadtteilanzeiger den dem Nachbarn auf den Leib geschriebenen Fortsetzungsroman „Lolita“ veröffentlichen. Auch die eigenen schweren und einsamen Stunden könnte man auf diese Weise versüßen, oh Blogmarie-Aurora-Laurea, Rächerin der Enterbten, Nemours und Saint-Preux liegen dir zu Füßen!

Mich als erfahrene und an chronischen Geldnöten leidende Trittbrettfahrerin inspiriert das personal-novel-Konzept natürlich zu schamlosen Imitationen. Man könnte es z.B. auf andere Kunstformen übertragen. Liebe Leserinnen und Leser, in Kürze entsteht hier der Online-Shop „Ihr Gesicht im Abendmahl“. Oder auch „Alte Opern – neu wie nie für Sie“. Die Callas singt bis einschließlich zum „Amami“, und ich singe dann exklusiv für Sie und Ihren Schatz mit meinem göttlichen Koloratur-Sopran den gewünschten Namen ein. Ich verspreche Ihnen, Sie werden begeistert sein! Da wird Ihr Wohnzimmer zur Mailänder Scala!

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