Archive for Januar, 2008

Schubladendenken

… ist eine Art zu denken, die man immer nur bei anderen feststellt, aber nie bei sich selbst. Zum Beispiel bei blondierten und bornierten Mitabsolventinnen, die sich für die crème de la crème der Bildungselite halten und fortan nur noch in akademischen Kreisen verkehren. Die sich mondän geben seit dem Auslandssemester in Irland, das Papa spendiert hat, und der Weltreise nach dem Examen, ebenfalls ein Geschenk von Papa als Belohnung für das gute Zeugnis. Die mit dem gemeinen Volk aber nie in Kontakt gekommen sind, weil sie nicht halbtags nebenher ihre Brötchen verdienen mussten. Die ihr Rekordzeitstudium und den Einser-Schnitt trotzdem einzig und allein ihrer phänomenalen Intelligenz zuschreiben.

Und dann trifft man auf der Absolventenfeier (zu der man nur der Form halber erschienen ist) auf so eine blondierte Mitabsolventin, die kein bisschen arrogant ist, über niemanden lästert und keine aus Vorurteilen gesponnenen Reden schwingt. Die einen bei aller Flüchtigkeit der Bekanntschaft herzlich begrüßt, und mit der man sich ganz prima unterhält.

Dann beginnt man klammheimlich und ziemlich beschämt, die Etiketten von den eigenen Schubladen zu kratzen.

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Maulwurfvernichtung

Gestern fanden drei Leser durch die Suchwortkombination „Maulwurf Vernichtung“ in mein trautes interaktives Heim.

Das KANN kein Zufall sein. Ich habe natürlich sofort mental die Geschehnisse rekonstruiert.

In der Schrebergartenanlage Donnersberg-Kleinvierwiesenhahn hat er in der Nacht zum Sonntag zugeschlagen, der gemeine Talpa Europaea. Gewissenhaft und lückenlos hat er den mit der Pinzette in Form gestutzten englischen Rasen der Herren Nöll, Bauer und Stieger, resp. Kassenwart, Satzungsverantwortlicher und Vereinsleiter der „Veilchenfreunde Donnersberg e.V.“, umgepflügt. Gartenzwerge gingen zu Bruch, Stiefmütterchen kamen zu Tode, und die Nachbarn wechselten fortan grußlos die Straßenseite, wenn ihnen die Herren Nöll, Bauer und Stieger begegneten. Haben sich doch just für nächste Woche die Juroren des Wettbewerbs „Deutschlands schönstes Fleckchen“ angekündigt, man hat den Asti spumanti in der Teeküche des Bürgerhauses schon kalt gestellt und dem Kopfsteinpflaster der Hauptstraße eine Spezialpolitur gegönnt.

Und nun so etwas. Wo der Rundgang der Juroren doch ausgerechnet in der Schrebergartenanlage beginnen sollte. Da kommt den Herren Nöll, Bauer und Stieger plötzlich der Gemeinsinn abhanden und sie lassen ihr Flurstück ruch- und gewissenlos verlottern.

Die Herren Nöll, Bauer und Stieger waren indes nicht minder empört. Herr Nöll lief puterrot an vom Brusthaar bis zur Glatze, als er des Ausmaßes der Verwüstung gewahr wurde. Herr Bauer stakste derb fluchend mit erhobenem Rechen von Erdhügel zu Erdhügel, zerteilte den ein oder anderen und hockte sich schließlich lauernd vor einen Haufen noch feuchter Erde, wo er ergebnislos den Rest des Nachtmittags verharrte. Herr Stieger ertränkte das Trauerspiel ohne zu zögern in Kerosin, erst hinterher fiel ihm ein, dass nun auch das, was vom Grünkohl noch übrig war, nicht mehr zu gebrauchen ist.

Der Maulwurf zeigte sich von all dem wenig beeinduckt. Sein Triumphgebaren war indes voreilig: Seine Kontrahenten hatten vielleicht die Schlacht verloren, aber nicht den Krieg, nein, den noch lange nicht!

Man fand sich dann tags darauf bei Herrn Bauer ein, um sich über die Kampfstrategie zu verständigen. Herr Bauer hat nämlich erst kürzlich einen Heimcomputer erworben und kennt sich aus in diesem worldweit Wepp, das man mal fragen könnte, ob es weiß, wie man Maulwürfe vernichtet.

Man versammelte sich also vor dem Bildschirm, Frau Bauer brachte Wurstschnittchen und Weißbier. Man fachsimpelte, tippte hier, klickte da, bedachte jeden Schritt mit skeptischem Grunzen, hochkonzentriertem Stirnrunzeln oder bedächtigem Kopfnicken als Ausdruck tiefen Verständnisses. So recht preisgeben wollte sie erst nix, die Maschine, dann aber, endlich, entlockte man ihr doch das Geheimnis wirkungsvoller Schädlingsbkämpfung!

Monoseptische D17-Aminosäuren, so behauptet das Internet, haben schon Australien vom Maulwurfbefall befreit. Da dürfte dann die Schrebergartenanlage Kleinvierwiesenhahns, die in ihrer Ausdehnung schätzlungsweise höchstens halb so groß ist, kein Problem darstellen. Die Wissenschaft, die sich mit Maulwürfen beschäftigt, so das Internet, heißt Topologie.

Zufrieden schnaufend griff Herr Bauer zum Notizblock und notierte: „Monoseptische D17-Aminosäuren. Topologie. Bücher besorgen“. Schon sah die Zukunft nicht mehr gar so finster aus, man dekorierte sich im Geiste schon mit den Siegerschärpen des Stadtverschönerungswettstreites und besiegelte den Pakt im Kampf gegen das Untier mit einem kräftigen Handschlag.

Meine Herren, ich bin glücklich, Ihnen weitergeholfen zu haben, proste Ihnen ganz herzlich mit meinem Pfefferminztee von meinem Platz hier hinter Ihrem Bildschirm aus zu und halte Ihnen sämtliche Daumen für den Tag der Entscheidung!

Ach und… wenn Sie mit Ihrer Lektüre der Topologie-Bücher beim Satz von Tychonoff angelangt sind, melden Sie sich nochmal, ja? Ich hätte da ein paar kleine Verständnisfragen…

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Die Spanier und die Utopie

Samstag Nacht. Gerade ist der spanische Film zu Ende, den mein Mann sich angeschaut hat. Zu meiner Überraschung zieht er meinen Salamanca – den Duden Spaniens – aus dem Regal und beginnt, eifrig darin zu blättern.

  • Sonst alles in Ordnung? Was machst du denn mit meinem Salamanca?
  • Naja, ich such halt ein Wort?!
  • Aha. Kann man helfen? Welches denn?
  • Autopie.
  • Was soll das denn sein?
  • Na, das haben die in dem Film dauernd gesagt.
  • Und du bist sicher, du hast das richtig verstanden? Vielleicht meinst du Autopsie?
  • Nein, Autopsie, das weiß ich, was das ist. Wenn die die Leichen aufschneiden.
  • Oder vielleicht Utopie?
  • Utopie? Nein…oder doch…könnte sein.

Wir lesen die Worterläuterung: „Sehr gute Idee oder Doktrin, die in dem Moment, in dem sie entwickelt wird, nicht realisierbar ist“.

  • Ach, das isses. Utopie, das haben die dauernd gesagt! Die Utopie der Menschen…
  • Also, das kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass die das Wort so verwendet haben. Man sagt das eher… also zum Beispiel, wenn jemand ein politisches Konzept zur Verdreifachung des Nettodurchschnittslohns in den nächsten fünf Jahren vorstellt, und du findest das nicht überzeugend, dann kannst du sagen: Das ist doch Utopie! Oder: Das ist doch utopisch!
  • Ach so. Jedenfalls, in Südamerika benutzt man das Wort nicht. Diese Spanier, typisch, was die wieder für Wörter erfinden…

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Mehr Nutzhanf! Mehr Strohballenhäuser!

Sie sind noch unsicher, wen Sie wählen? Wollen Sodom entmachten und Gomorrha verhindern? Meine Empfehlung: Wählen Sie die Violetten, die Partei für spirituelle Politik!

Nie gehört? Dann hier in aller Kürze Parteiprofil und -programm, objektiv paraphrasiert mit Original-Zitaten von der Homepage der Violetten als Dreingabe:

Ziel ist eine Gesellschaftsordnung, deren Grundpfeiler „Selbsterkenntnis durch die individuelle spirituelle Entwicklung“, Liebe, Toleranz und das „Wohl allen Seins“ sind. Spirituelle Politik bedeutet, „das Verbindende statt des Trennenden zu betonen“ und „das Göttliche in allem[,] was ist[,] zu sehen“. Um Skeptikern jetzt gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, nein, „die Partei gehört keiner Sekte, Religion oder Glaubensgemeinschaft an“.

Für eine neue Ganzheitlichkeit handeln, das heißt zum Beispiel, das Gesundheitswesen von Grund auf umzukrempeln. Denn Krankheiten sind Manifestationen negativer energetischer Schwingungen, ergo muss man (mit naturheilkundlichen Methoden) vorbeugen und Körper, Geist und Seele jedes Bürgers in Einklang bringen.

Brisante Themen des aktuellen politischen Geschehens scheut man trotz ganzheitlicher Perspektive nicht und positioniert sich mit klaren Aussagen im Meinungsspektrum der Parteienlandschaft: „Aus dieser höheren Sicht ist die Zuweisung von Täter- und Opferrollen nicht mehr sinnvoll“ (nein nein, gemeint ist „aus höherer Sicht“: Sie müssen von der konkreten Situation schon abstrahieren!)

Ökologisches Denken zu fördern ist den Violetten ein Grundanliegen. Strohballenhäuser, so führt man an, seien eine sinnvolle Alternative zum „konventionellen Ziegelbau“. Nein, sie brennen nicht. Und ja, man kann auch mehrgeschossig bauen. Aber das Beste: „Um- und Anbauten sind leicht realisierbar“! Weiterhin könne man Plastik durch Nutzhanf als Universalrohstoff ersetzen. Nur um Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen: „Nutzhanf ist vom Thema „Drogen“ strikt zu trennen, denn er ist THC-arm und daher zum „high-werden“ nicht geeignet…“ (Na na, was sollen denn diese ironischen Anführungsstriche und die sprechenden Auslassungspunkte am Satzende? Das wollen wir aber nicht gehört haben!) Nutzhanf eignet sich auch als Benzinersatz. Das habe schon Ford erkannt, der schon damals ein ökologisches „Auto vom Acker“ mit einer Karosserie aus Flachs, Hanf und Weizen entwickelt habe. (Glauben Sie nicht? Take a gram of soma!)

Was die Wirtschaftsordnung dieses unseres Landes betrifft, so erkennen die visionären Violetten den neuralgischen Punkt sofort: „In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wirtschaftswachstum geben!“ Sie können nicht folgen? Dann hier die Erklärung: Hätte Joseph bei Christi Geburt einen Pfennig angelegt, dann wäre der heute, allein durch die Zinsen, so viel Wert wie „216 Mrd. Erdkugeln aus purem Gold“. Und das ist ja wohl kaum möglich, q.e.d. Man will den Kapitalismus aber nicht gleich abschaffen. Nur die Schönheitsfehler etwas ausbessern, z.B. durch Komplementärwährungen. Das sind Währungen, die nur in bestimmten Regionen Zahlungsmittel sind und ergo selbige als Wirtschaftsstandorte stärken. Das gibt es tatsächlich, wie erläutert wird: den „Chiemgauer“ in Südbayern zum Beispiel. Und das kam so: „Das Schülerprojekt einer Waldorfschule wurde 2002 ins Leben gerufen und hat sich inzwischen zu einer ernstzunehmenden und regional gern gesehenen Zweitwährung entwickelt“. Ei, des wär doch s rischtische für Hesse! De „Äppler“, zwoehalb Äppler e Euro!

So, und jetzt auf zu den Urnen! Und vergessen Sie nicht: „Alles ist Schwingung„!

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Revoluzzerpack, räudiges!

Was Lesern so alles bei der Lektüre durch den Kopf geht… Synapse müsste man sein, um das alles live mitzuerleben, was man in Ermangelung dieser Möglichkeit realiter leider nur aus zweiter Hand in Gesprächen erfährt.

  • Ich lese gerade eine Biographie über Alexandra, die letzte Zarin von Russland.
  • (erwartungsvoll) Ah ja, und, wie isses?
  • Musste das sein, dass die die ganze Zarenfamilie ermorden?
  • (perplex) Naja, also… es war halt Revolution und… Ludwig den 16. haben sie ja auch ermordet.
  • Ja, aber das ist ja lange her. Die Zarenfamilie, die haben sie im 20. Jahrhundert umgebracht!
  • (den roten Faden suchend) Naja, da liegt eigentlich gerade mal ein gutes Jahrhundert dazwischen, aber was… spielt das jetzt für eine Rolle?
  • Außerdem haben die nur Ludwig den 16. hingerichtet, aber die Zarin, die hatte fünf Kinder!

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Literatur in Listen

Zugegeben, es gibt Schlimmeres. Die Porzellanelefanten-Sammlung aus dem Hause Goebel in der Wohnzimmervitrine zum Beispiel. Gerahmte, nachkolorierte Bilder von Sonnenuntergängen aus dem Bildkalender 2007 im Treppenaufgang. Zierbambus in Standvasen neben dem Fernsehschrank. Dagegen nimmt es sich eher harmlos aus, akurat Listen zu führen über gelesene Werke, am Jahresende Bilanz zu ziehen und eine weitere Liste der Werke zu erstellen, die man im kommenden Jahr zu lesen gedenkt.

Dennoch, die Literaturliste ist von der Porzellanelefanten-Sammlung nicht allzuweit entfernt. Sie ist gewissermaßen die Porzellanelefanten-Sammlung des Bildungsbürgertums. Denn welchen Umgang mit Literatur bringt diese Archivierung literarischer Werke zum Ausdruck? Weist man auf die Art Büchern nicht den gleichen Stellenwert zu wie materiellen Gütern, wie dem Nippes und Tand auf der Fensterbank, Gütern, die man besitzen kann, und an deren Menge und Qualität sich der soziale Status bemisst? Literatur als bloßer Maßstab für die kulturelle Bildung ihrer Leser?

Der Zierbambus spielt dann etwa in der gleichen Liga wie literarische Serientäter, die Fantasyromanreihen verbrechen. Ein Interieur, das den Design-Wohnwelten innenarchitektonischer Fachzeitschriften nachempfunden ist, liegt in der gleichen Kategorie wie die neuesten Feuilleton-Empfehlungen. Eine Original-Kohlezeichnung des jungen Picasso überm Bett entspricht „Finnegans Wake“ auf dem Nachttisch.

Ich würde gerne eine Zeitreise machen. 150 Jahre zurück ins Paris der Künstler-Bohème. Ich würde Baudelaire ausfindig machen, in einer der Opiumhöhlen, oder im Freudenhaus. Dann würde ich ihn fragen, was er davon hält, dass seine „Blumen des Bösen“ in Zukunft zur Grundausstattung jeder gutbürgerlichen Privatbibliothek zählen werden. Dass sie in Tausenden von Eichenregalen langsam vergilben. Dass sie in vielen „Literaturlisten 2007“ auftauchen, als Eintrag: „Charles Baudelaire. Blumen des Bösen. Lyrik. 1857“.

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Wissenschaft erklärt – heute: Topologie

Die Topologie ist ein Teilgebiet der Biologie und beschäftigt sich mit Maulwürfen. Der Terminus ist ein Lehnwort aus dem Spanischen („topología“) und setzt sich zusammen aus „topo“ – Maulwurf – und „logía“ – Lehre. Die Topologie ist eine verhältnismäßig junge Disziplin und hat ihren Ursprung in der Maulwurfplage, die Spanien 1974 heimsuchte und die fast sämtliche Stierkampfarenen des Landes in unwirtliche Erdhügelfelder verwandelte sowie gut 85% der Ernte vernichtete. Die Kollateralschäden für die Panis-et-circenses-Politik Francos waren beträchlich, weshalb der Diktator alle namhaften Biologen des Landes mit der Erforschung der pelzigen Staatsfeinde und der Entwicklung von Strategien für ihre systematische Vernichtung beauftragte. Trotz der im großen Stil veruntreuten Steuergelder reichten die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel jedoch nicht aus, um seiner Exzellenzcluster-Initiative zu raschem Erfolg zu verhelfen, was schließlich – wie man weiß – das Ende seiner Diktatur einleitete.

Die Topologie überdauerte die Franco-Diktatur und war bald auch außerhalb der Iberischen Halbinsel anerkannte Teildiszilin der Biologie. Die theoretischen Resultate wurden in den Folgejahren in Australien praktisch erprobt, erwiesen sich jedoch noch als unzulänglich: Der Einsatz monoseptischer D17-Aminosäuren setzte nicht nur wie intendiert die Zeugungsfähigkeit der Maulwürfe herab sondern auch die sämtlicher einheimischer Beuteltierarten, während sich die aus Südamerika eingeführten Aga-Kröten als restistent erwiesen, wodurch das ökologische Gleichgewicht empfindlich und nachhaltig gestört wurde.

Infolge des Paradigmenwechsels der 90er Jahre betrachtet man den Maulwurf heute nicht mehr als Schädling, sondern erforscht seinen Nutzen für den zivilisatorischen Fortschritt. So fand man beispielsweise heraus, dass die von ihm angelegten unterirdischen Tunnelsysteme ausbaufähig sind. In vielen europäischen und nortamerikanischen Metropolen erweiterte man sie zu Verkehrsnetzen der Metro, und auch dem Entwurf des Eurotunnels lagen die unterirdischen Wanderpfade dieser Tiefbaupioniere zugrunde.

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