Schubladendenken

… ist eine Art zu denken, die man immer nur bei anderen feststellt, aber nie bei sich selbst. Zum Beispiel bei blondierten und bornierten Mitabsolventinnen, die sich für die crème de la crème der Bildungselite halten und fortan nur noch in akademischen Kreisen verkehren. Die sich mondän geben seit dem Auslandssemester in Irland, das Papa spendiert hat, und der Weltreise nach dem Examen, ebenfalls ein Geschenk von Papa als Belohnung für das gute Zeugnis. Die mit dem gemeinen Volk aber nie in Kontakt gekommen sind, weil sie nicht halbtags nebenher ihre Brötchen verdienen mussten. Die ihr Rekordzeitstudium und den Einser-Schnitt trotzdem einzig und allein ihrer phänomenalen Intelligenz zuschreiben.

Und dann trifft man auf der Absolventenfeier (zu der man nur der Form halber erschienen ist) auf so eine blondierte Mitabsolventin, die kein bisschen arrogant ist, über niemanden lästert und keine aus Vorurteilen gesponnenen Reden schwingt. Die einen bei aller Flüchtigkeit der Bekanntschaft herzlich begrüßt, und mit der man sich ganz prima unterhält.

Dann beginnt man klammheimlich und ziemlich beschämt, die Etiketten von den eigenen Schubladen zu kratzen.

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7 Antworten so far »

  1. 1

    ramses101 said,

    Och, ich bin ein großer Freund der Schublade. „Der trägt mit 25 Hut und raucht Zigarillos inner Zigarettenspitze? Ha! Schublade auf, rein mit ihm, Schublade zu. Nächster.“

  2. 2

    blogmarie said,

    „Schublade zu, NÄCHSTER?“ Aber Herr Ramses, soll das heißen, all Ihre Mitmenschen landen in einer Ihrer Schubladen? Das sind ja erschreckende Bekenntnisse!

    Übrigens eine interessante Frage, wie Schubladen, rein logisch betrachet, organisiert sind. Was macht man mit Menschen, die in keine Schublade passen? Kann man die in einer Schublade zusammenfassen?

  3. 3

    Wahrlich eine Überlegung wert 😉

    Geht das Schubladendenken und das Aufrechterhalten von Klischees nicht einher mit dem Umgang von Menschen? Sobald man sich mehr Gedanken über eine Person macht, kommt man unweigerlich an den Punkt, an dem man bewertet – oder zumindest spekuliert. Der erste Schritt in die Schublade …

  4. 4

    blogmarie said,

    Schwindelfrei, recht hast du! Wobei die Püschologen, soviel ich weiß, davon ausgehen, dass der erste Schritt in die Schublade mit dem ersten Eindruck beginnt, also sogar bevor man sich bewusst Gedanken über eine Person macht.

    Was manchmal auch gar nicht so verkehrt ist: Wenn dich nachts in der Unterführung eine Gruppe angetrunkener Halbstarker anspricht, was machst du? Beginnst du ein Gespräch, um zu einer adäquaten und vorurteilsfreien Einschätzung zu gelangen? Oder wählst du doch lieber die Schublade und gehst weiter?

  5. 5

    Mh, schwierige Frage – käme ganz darauf an, wie stark die Jugendlichen angetrunken wären … Ok – alles im allem könnte es darauf hinaus laufen, dass ich mich tierisch darüber aufrege, dass man zu nächtlicher Stunde keinen Fuß sicher mehr vor die Tür setzten kann … Und wer ist dran Schuld? Die Jugendlichen, so wahrscheinlich mein Resümee – und damit ab in eine Schublade …

    Nun kann das Schubladendenken aber nicht nur negativ ausgelegt werden. Höchstwahrscheinlich assoziiere ich mit diesen Jugendlichen eine gewisse Gefahr für mich. Kann mich mein Unterbewusstsein, dass bereits die Schublade geöffnet hat, vor schlimmeren bewahren? Warum gibt es überhaupt Klischees und Schubladendenken?

  6. 6

    blogmarie said,

    Hmm, schwindelfrei, dich scheint das Thema ja wirklich zu interessieren! Natürlich haben Klischees und Schubladen auch ihren Sinn und Zweck, oder besser: sie sind kaum zu vermeiden, weil sie etwas mit der Beschaffenheit unserer mentalen Informationsverarbeitungsprozesse zu tun haben.

    Ich empfehle dazu: Uwe Kanning, Psychologie der Personenbeurteilung. Das Buch ist nicht populärwissenschaftlich, aber allgemeinverständlich geschrieben.

    Um das „Unterbewusstsein“ geht es dort allerdings nicht. Das Unbewusste ist eine Grundannahme der Psychoanalyse, eine der theoretischen Strömungen innerhalb der Psychologie. Die Kognitive Psychologie, zu der Kannings Ausführungen gehören, hat mit Freud und seinen Nachfolgern nichts zu tun.

  7. 7

    Na dann mal danke für den Buchtipp =)


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