In genau 9 Stunden…

… stehe ich vor lauter Nervosität kettenrauchend vor dem Hörsaalgebäude und versuche fieberhaft aber erfolglos, mich an die 27.000 Sätze, Korollare und Lemmata zu erinnern, die ich eigentlich im Schlaf und rückwärts beweisen können müsste, die aber just in dem Moment zu einem amorphen Klumpen aus griechischen Buchstaben, formallogischen Verknüpfungen und minimalistischen Syntaxfragmenten zu verschmelzen drohen. Die lieben Kommilitonen garnieren die Tatsache, dass sie die letzten drei Seiten des Skripts über Funktionentheorie übersprungen haben, mit einem selbstbewussten „Mut zur Lücke“, was mir noch den letzten Funken Zuversicht raubt angesichts des Umstandes, dass ich gleich die komplette Vorlesung mit demselben Argument bei der Vorbereitung außer Acht gelassen habe. Innerlich öffne ich schonmal den Umschlag mit der Klausur, und natürlich erblicke ich ausschließlich Aufgaben zu Bereichen, die ich in meinen Skripten und Büchern mit großen roten Fragezeichen dekoriert habe. Das sind ziemlich viele. Genau genommen so gut wie alle. Welche eigentlich nicht? Ja, welche denn eigentlich nicht? Selbst wenn man mir gleich meinen allerersten Übungszettel zu meiner allerersten Anfängervorlesung, eben den aus der ersten Studienwoche, vorlegen würde, ich könnte nichts davon lösen. Wahrscheinlich würde ich das aber nicht einmal merken, weil ich mich nicht an meinen ersten Übungszettel erinnere. Da drängt sich die Frage auf, warum habe ich eigentlich studiert? Und warum ausgerechnet Mathe? Philospohie, Juristerei, Theologie, nun gut, aber Mathe?

Wenn ich näher drüber nachdenke: ein Abschluss reicht doch eigentlich. Was mache ich also hier zu nachtschlafender Zeit um 9 Uhr morgens und ruiniere unnötig meine Nerven? Vielleicht gehe ich doch lieber ins Café gegenüber, frühstücke gemütlich, fahre dann zum Flughafen und wandere ganz spontan in ein Land mit mildem Klima und gutem Essen aus. Ja, das ist ein guter Plan. Jetzt geht es mir besser.

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