Archive for Literatur im Fokus

Blogmarie in Dokumenten

Jeder hat mal klein angefangen. Blogmarie besonders klein, den Kommentaren in ihrem soeben beim Ausmisten aufgetauchten Aufsatzheft aus ihrer Grundschulzeit nach zu urteilen.

  • „Das ist Deine erste Geschichte, die du ganz allein geschrieben hast. Du hast sehr nett erzählt. (Die Rechtschreibung wurde nicht verbessert.)“
  • „Leider ist die Geschichte, obwohl du nett erzählt hast, nicht richtig, da Du das Tretauto nicht in den Mittelpunkt Deiner Geschichte gestellt hast.“
  • „Du hast eine Geschichte erzählt, der ein richtiger Höhepunkt fehlt. Du hast viele Dinge nur beschrieben, aber es passiert nichts. Deine Sätze sind zu kurz.“

Der Tenor des ersten Kommentars ist mir in diversen Kontexten im weiteren Verlauf meiner Bildungslaufbahn wieder begegnet, beispielsweise in der Form: „Hat an der Orchester-AG [sprechende Ellipse] teilgenommen.“; oder „Dass der brillante Hauptteil der Arbeit etwas überdimensioniert ausgefallen ist, darf man als Schönheitsfehler werten.“

Die beiden folgenden Beurteilungen zeigen deutlich, wie früh sich meine Vorliebe für Avantgarde-Literatur Bahn brach. „Wider die Regelpoetik“, dachte ich offenbar schon damals. Schrieb Geschichten mit falschen Themen, wie einst die modernes in der querelle, und plättete Peripetien zu nulllinienförmigem, semiaphasischem Wortbrei wie Huysmans. Und das in schönstem Blogger-Stakkato. Wenn das nicht visionär war?

Symbol für die Form, die Literatur zu haben hat, war in meinem Deutschunterricht die Maus: Vom Schnäuzchen angefangen steigt die Handlung bis zum Buckel und fällt dann ab bis zum Dénouement, vulgo Mauseschwanz. Resigniert beugte ich mich zuweilen der altbackenen Literaturkonzeption meiner Lehrerin, schrieb mausförmig, und erntete dann auch Lob. Und was für welches:

  • „Du hast sprachlich und inhaltlich sehr gut Geschichte geschrieben [sic!].“
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Revoluzzerpack, räudiges!

Was Lesern so alles bei der Lektüre durch den Kopf geht… Synapse müsste man sein, um das alles live mitzuerleben, was man in Ermangelung dieser Möglichkeit realiter leider nur aus zweiter Hand in Gesprächen erfährt.

  • Ich lese gerade eine Biographie über Alexandra, die letzte Zarin von Russland.
  • (erwartungsvoll) Ah ja, und, wie isses?
  • Musste das sein, dass die die ganze Zarenfamilie ermorden?
  • (perplex) Naja, also… es war halt Revolution und… Ludwig den 16. haben sie ja auch ermordet.
  • Ja, aber das ist ja lange her. Die Zarenfamilie, die haben sie im 20. Jahrhundert umgebracht!
  • (den roten Faden suchend) Naja, da liegt eigentlich gerade mal ein gutes Jahrhundert dazwischen, aber was… spielt das jetzt für eine Rolle?
  • Außerdem haben die nur Ludwig den 16. hingerichtet, aber die Zarin, die hatte fünf Kinder!

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Literatur in Listen

Zugegeben, es gibt Schlimmeres. Die Porzellanelefanten-Sammlung aus dem Hause Goebel in der Wohnzimmervitrine zum Beispiel. Gerahmte, nachkolorierte Bilder von Sonnenuntergängen aus dem Bildkalender 2007 im Treppenaufgang. Zierbambus in Standvasen neben dem Fernsehschrank. Dagegen nimmt es sich eher harmlos aus, akurat Listen zu führen über gelesene Werke, am Jahresende Bilanz zu ziehen und eine weitere Liste der Werke zu erstellen, die man im kommenden Jahr zu lesen gedenkt.

Dennoch, die Literaturliste ist von der Porzellanelefanten-Sammlung nicht allzuweit entfernt. Sie ist gewissermaßen die Porzellanelefanten-Sammlung des Bildungsbürgertums. Denn welchen Umgang mit Literatur bringt diese Archivierung literarischer Werke zum Ausdruck? Weist man auf die Art Büchern nicht den gleichen Stellenwert zu wie materiellen Gütern, wie dem Nippes und Tand auf der Fensterbank, Gütern, die man besitzen kann, und an deren Menge und Qualität sich der soziale Status bemisst? Literatur als bloßer Maßstab für die kulturelle Bildung ihrer Leser?

Der Zierbambus spielt dann etwa in der gleichen Liga wie literarische Serientäter, die Fantasyromanreihen verbrechen. Ein Interieur, das den Design-Wohnwelten innenarchitektonischer Fachzeitschriften nachempfunden ist, liegt in der gleichen Kategorie wie die neuesten Feuilleton-Empfehlungen. Eine Original-Kohlezeichnung des jungen Picasso überm Bett entspricht „Finnegans Wake“ auf dem Nachttisch.

Ich würde gerne eine Zeitreise machen. 150 Jahre zurück ins Paris der Künstler-Bohème. Ich würde Baudelaire ausfindig machen, in einer der Opiumhöhlen, oder im Freudenhaus. Dann würde ich ihn fragen, was er davon hält, dass seine „Blumen des Bösen“ in Zukunft zur Grundausstattung jeder gutbürgerlichen Privatbibliothek zählen werden. Dass sie in Tausenden von Eichenregalen langsam vergilben. Dass sie in vielen „Literaturlisten 2007“ auftauchen, als Eintrag: „Charles Baudelaire. Blumen des Bösen. Lyrik. 1857“.

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Personal novels

Geschenke mit persönlicher Note kommen ja bekanntlich besser an als Krawattennadeln von Tchibo oder Körperpflegesets mit Kokos-Aroma. Wenn Sie so Ihre Zweifel haben, ob Ihre Liebste es Ihnen danken wird, wenn Sie zum Pinsel greifen und ihr Antlitz in Öl auf Leinwand verewigen, oder ob Ihr Liebster die selbstklebende Abziehfolie mit Ihrer Liebeserklärung in Versform tatsächlich auf der Heckscheibe seines tiefergelegten Puntos anbringen wird, dann schafft vielleicht die neue Produktlinie des Kulturvereins „Books on demand“ Abhilfe.

Personal novels sind Romane, die exklusiv für denjenigen verfasst werden, den Sie unterm Christbaum mit Ihrem Einfallsreichtum und Ihrem feinen Gespür für geschmackvolle Gaben beschämen wollen. Der Bestellvorgang geht folgendermaßen vonstatten:

Sie wählen zunächst eine Gattung. In der Kategorienliste sind nicht nur alle großen, zeitlosen Genres der abendländischen Literatur vertreten (Liebe, Abenteuer, Mystery und „klassisch“), sondern auch maßgeschneiderte Gattungen für „den richtigen Ton“, wie „Gleich&Gleich“ oder „Freche Mädchen“. Nehmen wir an, Sie entscheiden sich für die Gattung „Liebe“.

Sie wählen alsdann eine Romanvorlage, z.B. „Venezianische Nächte“. Die bündige Kurzzusammenfassung informiert Sie über das Wesentliche: „Liebesgeschichte mit Heiratsantrag“. Namen, Kosenamen, Haar- und Augenfarbe der Figuren bestimmen Sie selbst: Der rothaarige Ralf alias Schnuffelchen, Herzog von Venedig, und die blonde Mausi-Franzi mit den blaugrauen Augen aus Palermo sind dann z.B. die Protagonisten Ihrer personal love story. I.d.R besetzen Sie die Hauptrollen mit sich selbst und Ihrer besseren Hälfte, wobei Sie die Figurenkonstellation theoretisch auch für andere Zwecke missbrauchen könnten, etwa um Ihrem Liebling durch die Blume mitzuteilen, dass Sie seit geraumer Zeit von einem heißblütigen Venezianer umschwärmt werden, den Sie in Bälde zu heiraten gedenken. In diesem Fall kommen die Liebesszenen, von denen man Ihnen vorab eine kostenlose Kostprobe darbietet, sicher besonders gut an. Sie können dabei wählen zwischen der „Variante lässig“ und der „Variante rassig“. Hier mal ein (aus Gründen der bienséance zensierter) Auszug aus der „Variante rassig“:

„Sie biss […] während er […] und […] ihre Schenkel […]. Laura stöhnte […] während er […] zwischen ihren Beinen […]. […] Körper, […] Feuchtigkeit […]. […] murmelte Ernesto […], aber Laura […] fühlte nur, wie […] immer stärker […]. Ihre […] klebten […]. „[…]“, keuchte er. „Wenn du […], geht es leichter.“ Laura […] wild. Ihre […] feuchten […] seines […]. Der […] zwischen ihren Beinen […] unbarmherzig […], während […] Mann […] in kurzen, heftigen Stößen […].“

Jetzt müssen Sie nur noch einen Einband wählen und die gewünschte Anzahl an Exemplaren bestellen, und schon sind Freudenschreie und feuchte Augen am Gabentisch garantiert.

Personal novels eignen sich auch, um mal ganz perfide zu testen, ob man Ihre Geschenke überhaupt wertschätzt. Dazu bennenen Sie nicht einen der Protagonisten nach Ihrem Opfer, sondern irgendeine Randfigur, die auf S. 187 zum ersten und einzigen Mal die Bühne des Geschehens betritt. Wenn dann besagte Person auf Ihre Nachfrage hin, wie ihr der Roman denn gefallen habe, lediglich scheinheilige Allgemeinplatz-Lobhudeleien wie „Oh, wunderbar, so spannend, mir ist glatt die Gans im Ofen verkohlt!“ ausstößt, tja, dann wissen Sie, im kommenden Jahr schenken Sie ihr den badkachelblauen Porzellanschwan, den Sie eigentlich für den nächsten Polterabend aufgehoben hatten.

Ich persönlich vermisse in der Romanvorlagenauswahl ja die großen Kanonwerke der Weltliteratur. Eigentlich hatte ich vor, mal bei den Autorinnen und Autoren unverbindlich anzufragen, ob sie mir nicht „Romeo und Julia“ liefern könnten, aber mit Happy End, mir und meinem Hasenschnucki in den Hauptrollen und Klein-Vierwiesenhahn als Schauplatz. Gerne im englischen Original, wobei die vielen schwierigen Wörter, die man in der Schule nunmal nicht lernt, natürlich durch leicht verständliche Synonyme hätten ersetzt werden müssen. Am liebsten hätte ich den Germanisten oder Anglisten, den BoD für 4,50 Euro die Stunde als Autor beschäftigt, persönlich an der Strippe gehabt und um seine Meinung gebeten. Die Angelegenheit hat sich aber erübrigt, ich habe jetzt doch schon ein After Shave besorgt.

Die Personalisierung von Kanonwerken würde ja ganz neue Perspektiven eröffnen. Da könnte man den Chef eines morgens als fetten Käfer erwachen lassen, seine verflossenen Lieben je nach Schwere der Schuld auf Dantes zehn Höllenkreise verteilen oder im Stadtteilanzeiger den dem Nachbarn auf den Leib geschriebenen Fortsetzungsroman „Lolita“ veröffentlichen. Auch die eigenen schweren und einsamen Stunden könnte man auf diese Weise versüßen, oh Blogmarie-Aurora-Laurea, Rächerin der Enterbten, Nemours und Saint-Preux liegen dir zu Füßen!

Mich als erfahrene und an chronischen Geldnöten leidende Trittbrettfahrerin inspiriert das personal-novel-Konzept natürlich zu schamlosen Imitationen. Man könnte es z.B. auf andere Kunstformen übertragen. Liebe Leserinnen und Leser, in Kürze entsteht hier der Online-Shop „Ihr Gesicht im Abendmahl“. Oder auch „Alte Opern – neu wie nie für Sie“. Die Callas singt bis einschließlich zum „Amami“, und ich singe dann exklusiv für Sie und Ihren Schatz mit meinem göttlichen Koloratur-Sopran den gewünschten Namen ein. Ich verspreche Ihnen, Sie werden begeistert sein! Da wird Ihr Wohnzimmer zur Mailänder Scala!

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