Archive for Neues im Westen

Jahr der Mathematik: Erleb! die! Magie!

Blogmariechen entwickelte bereits im zarten Vorschulalter eine ausgepägte Feinfühligkeit für Lernspaßmanipulationen seitens der erziehungsberechtigten Antiautoritäten. In den frühen 80ern war das nicht schwer, da hatten die Lern-Spiel-Spaß-Autonomie-Konzepte der 68er gerade die breite Öffentlichkeit erreicht und die Kinderzimmer in Form von Ich-lerne-die-Uhr-Bilderbüchern mit beweglichen Zeigern, Magnettafeln mit bunten Plastikbuchstaben, Chemie- und Elektronik-Baukästen und LÜK-Tafeln erobert. Das Spiel war leicht zu durchschauen, und wer lässt sich schon gerne auf derart tumbe Weise manipulieren? Blogmariechen jedenfalls nicht: die Zeiger im Bilderbuch bog sie nach oben und spießte ihre Knete drauf, die Magnetbuchstaben sortierte sie nach allen möglichen Kriterien nur nicht nach Wortbildungsgesetzen, und mit den Drahtstücken und Leuchtdioden des Elektronik-Baukastens spielte sie Suppekochen. Ein Wunder, dass ihr eine Montessori-Waldorf-Bildungskarriere erspart blieb.

Bekanntlich prägen frühkindliche Erfahrungen fürs Leben. Meinem LÜK-Kasten-Trauma habe ich es wohl zu verdanken, dass ich angesichts der durchdidaktisierten Gassenhauern von Rechenexempeln, die man im Jahr der Mathematik allerorten antrifft, sofort in Habachtstellung gehe. Schon das semantische Brimborium drumherum erinnert stark an den „Ich lern gern!“-Bapperl vom Kinder-Wissenquiz. Von Leidenschaft ist die Rede, Magie, von Phänomenen und unserem Alltagstrott, dessen ständige Begleiterin die Mathematik vorgeblich ist. Da ist zum Beispiel das Super-Symbolfoto vom rückwärts einparkenden Auto, geometrieaffin mit weißen Linien, Kurven und einem 40-Grad-Winkel überzeichnet und garniert mit dem Mega-Mutmacher-Slogan „Du kannst mehr Mathe, als du denkst!“ Nun, zumindest besser als rückwärts einparken, was mich betrifft.

Nach Kräften versucht man da, das alte Klischee des blassen, moderesistenten, wortkargen Mathe-As, Typ „Mein Hobby sind Computer“, zu zerstören und stellt ein buntes Potpourri aus Verblüffendem, Erheiterndem und vor allem leicht Bekömmlichen für die Leser zusammen, die das mit den Brüchen noch ganz gut, ab dem mit den Icksen und Ypsilons dann aber nichts mehr verstanden haben. Denen erzählt man dann, dass Fußbälle gar keine Kugeln sind, wie der kleine Gauß mal die Zahlen von 1 bis 100 zusamengezählt hat und warum man das Tor besser wechselt beim Zonk-Spiel. Allgegenwärtiger Sub-Text: Mathe ist cool. Aber warum stelle ich mir dennoch den Verfasser reflexartig als bebrillten LAN-Party-Gänger in Karottenjeans vor? Das muss am LÜK-Kasten-Trauma liegen. Mit Superlativen angepriesene Lerninhalte? Sicher sterbenslangweilig.

Das Pendant zur Darstellung der Mathematik als Spiel, Spaß und Spannung in einem waren letztes Jahr, im Jahr der Geisteswissenschaften, die ständigen Beteuerungen, auch Orchideenfächer seien von unschätzbarem Nutzen für den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit und überhaupt vielfältigst anwendbar. Zugegeben, der Kampf gegen Klischees hat seinen Wert. Er wirkt derzeit bloß etwas übersteuert: Wenn man einfach die Negativfolie darüber legt, hat man im Prinzip nichts erreicht, dann wird aus Schwarz Weiß und umgekehrt, am Bild ändert sich sonst aber nichts.

Muss man wirklich am laufenden Band Effektvolles aus dem Hut zaubern? Muss es immer die Schokoladenseite sein? Nicht zuletzt verrät die Reformpädagogenmanier, in der die Informationen dargeboten werden, einiges über die Zielpublikumsvorstellungen der „Mathemacher“: Keiner hört zu, wenn’s nicht ordentlich knallt und stinkt.

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Pimp my blog

Tiefgrün vor Neid gafft D-Blogmarie mal wieder auf die Besucherzahlen von Germanys A-Bloggaz. Komplexe kriegt sie da, weil ihre eigenen immer so phlegmatisch die Nulllinie entlangdümpeln. Sie kann wirklich von Glück reden, dass sie noch nicht in die Miesen gerutscht sind. Und das nur, weil sie hier immer alles mit Urlaubsfotos vollpostet, die sie dann auch noch für relevant hält. Deswegen schreibt sie heute nicht, wie ursprünglich intendiert, über das, was ihr Kater heute gemacht hat, was so süß war, sondern bloggt zur Abwechslung mal genauso thematisch wie mit Sc**anz. Eine Prise SEO kann da auch nicht schaden. Sie arbeitet also mit einem Haupt-Top-Keyword, mit dem sie sich im Ranking nach oben juckelt, und einer Reihe von Neben-Top-Keywords, mit denen sie die Treffer streut. Rhetorisches Gedöns braucht sowieso kein Mensch, und erst recht nicht die erwartete Leserflut. Lässt sie also weg.

Für Sophie von Germany’s Next Topmodel ist der Traum von der Karriere auf dem Laufsteg nun geplatzt. Sie wird nicht mit Heidi Klum, Gisele, Raquel, Jenny und den anderen Girls nach Australien reisen. Google hingegen erlitt keinen derartigen Erfolgsknick und freut sich über die guten Quartalszahlen, die das Unternehmen heute nach US-Börsenschluss mitteilte. Im ersten Quartal 2008 konnte Google Umsatz und Gewinn erheblich steigern. Die Analysten hatten laut Spiegel Online mit einem Umsatz von 5,13 Milliarden Euro gerechnet, tatsächlich vermeldete Google für das erste Quartal laut Quartalszahlen 2008 einen Google-Umsatz 2008 von 5,19 Milliarden Euro, sowie einen Nettogewinn von 4,12 Dollar je Aktie. Haupt-Einnahme-Quelle von Google sind seit je her AdWords und AdSense. Um etwa 20% stieg in diesem Quartal die Zahl der Klicks auf gewerbliche Suchanzeigen. Die Google-Quartalszahlen können sich also sehen lassen, trotz der befürchteten Übersättigung an Online-Werbung. Börsenspekulanten werden diese Zahlen befriedigen, es bleibt abzuwarten, ob damit nun der Höhepunkt erreicht ist, oder dies noch nicht die Klimax war. Das Kreativ-Blog listet zum Vergleich die Quartalszahlen von Google für die Quartale des vergangenen Jahres mit je 3.66, 3.87, 4.32 und 4.83 Milliarden Dollar je Quartal, und weist darauf hin, dass Marc S. Mahaney, der Citigroup- Anal yst, die Aktie von Google, unverändert mit „buy“ einstuft und das Kursziel läge bei 600 USD.

Die Blogger-Community wird besonders die Entwicklung im Bereich AdWords und AdSense im Auge behalten, sich aber wohl auch verstärkt nach anderen Verdienstmöglickeiten mit Blogs umsehen, wie z.B. Trigami. Dadurch würde auch die tägliche, Zeit aufwändige Suche nach Top-Keywords wie Paris Hilton, Ikea und Co. überflüssig.

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Maulwurfvernichtung: Klappe, die zweite

Ja, Sappralot, was weiß denn ich, wie Sie Ihr Maulwurf-Problem in den Griff bekommen! Wenn’s alles nicht hilft, saufen Sie ihn sich halt schön!

Wäre ich Gärtner und dies meine Firmenhomepage, würde ich meinem Suchmaschinenoptimierdienstleister auf der Stelle Haus und Hof vermachen. Bin ich aber nicht, und für Suchmaschinen ist mein Blog offensichtlich eher suboptimal aufbereitet.

Nun will ich Sie aber auch nicht enttäuschen. Wo Sie doch schon mal hier sind. Deshalb habe ich meinerseits Frau Prof. Dr. Dr. rer. nat. Gugl befragt und tatsächlich eine Methode gefunden, die sogar erst kürzlich prämiert wurde. Und die geht so: Sie legen Ihr Grundstück mit Metallstangen aus und verbinden selbige mit einer Starkstromleitung. Das Kohlehäufchen, das anschließend übrig bleibt, war früher der Maulwurf, der Ihnen so viele schlaflose Nächte bereitet hat.

Nur eines sollten Sie unbedingt beachten: Verlassen Sie das Grundstück, bevor Sie das Erdreich grillen. So steckt der Teufel eben manchmal im Detail: denn das hatte der Erfinder der Methode – er ruhe in Frieden – leider nicht bedacht.

Der postume Ruhm sei ihm gegönnt. Wir gratulieren ganz herzlich zum Darwin Award!

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Kurz Zeit für eine Umfrage?

Ich nehme gern an Umfragen teil. Schneuze auf Aufforderung lautstark und mit Hingabe in 10 Papiertaschentücher, die ich dann mit Attributen wie „nasenhautschonend“ und „schneuzfest“ beschreibe. Teile nicht nur mit, welcher Werbespot für Damenhygieneprodukte mir besser gefällt, sondern ergehe mich in weitschweifigen Exposés über die Frage, was den Wohlfühlfaktor bei Tampons ausmacht.

So habe ich wohl irgendwann bei gedankenverlorenem Internetsurfen instinktiv auf das Reizwort „Umfrage“ reagiert und bereitwillig meine E-mail-Adresse hinterlassen, bei einem Unternehmen aus der Branche „Hochschulentwicklung“. Was ich bis gestern gar nicht wusste, ich vermutete anfänglich Schavan & Konsorten hinter den als Umfragen getarnten Bachelor-Master-Werbeaktionen, die regelmäßig in meinem Postfach landeten.

Erst gestern habe ich mir die Mühe gemacht, Informationen über den Urheber einzuholen, und zwar nach einer Meinungsumfrage, deren Fragen offensichtlich passgenau auf die anschließende statistische Manipulation der Daten abgestimmt waren. Offiziell ging es um die Frage, ob und inwiefern sich die Qualität der Lehre seit der Umstellung auf Bachelor und Master verbessert hat, inoffiziell um die Tatsache, dass sie sich seitdem ganz entscheidend verbessert hat.

Eine Frage lautete sinngemäß: „Wie beurteilen Sie folgende Dinge in Bezug auf Ihre Berufsaussichten nach dem Studium?“. Die Items waren auf einer Skala von „eher nachteilig“ bis „eher von Vorteil“ zu bewerten: Praktika absolvieren, Fremdsprachen lernen, ein Auslandssemester, Anwendungsbezug der Lehrveranstaltungen etc.

Auf rhetorische Fragen antworte ich gerne mal erwartungskonträr und setzte meine Kreuzchen also durchgehend auf „eher nachteilig“. Im Folgenden erschloss sich mir dann, dass eben diese Punkte wohl Teile des neuen Curriculums sind, deren Umsetzung nun beurteilt werden sollte. Mit „eher schlechter geworden“ konnte man hier freilich nicht mehr antworten: Die Skala reichte von sinngemäß von „gleich geblieben“ bis „erheblich verbessert“. Besonders amüsant: das Item „mehr Lehrveranstaltungen auf englisch?“. Da musste ich an meinen Prof aus Niederbayern denken, der guten Willen zeigte, sein Schulenglisch entstaubte und frohgemut seine Vorlesungen in dialektal eingefärbtem Denglisch vortrug.

Ganz falsch war meine Vermutung, Schavan habe da ihre Finger im Spiel, nicht: Die Hochschulinformationssystem GmbH wird bei ihren Umfragen vom Bildungsministerium unterstützt. Ein vorbildliches Projekt! Und da soll noch einer sagen, die Politik von heute sei bloß blinder Aktionismus! Ein Lob an dieser Stelle, toll, dass sie die Studenten mal so ganz persönlich per Email befragen, die Idee und die Umsetzung sind wirklich gut bzw. gerade gut bzw.

gerade gut genug für meinen Spamfilter!

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Maulwurfvernichtung

Gestern fanden drei Leser durch die Suchwortkombination „Maulwurf Vernichtung“ in mein trautes interaktives Heim.

Das KANN kein Zufall sein. Ich habe natürlich sofort mental die Geschehnisse rekonstruiert.

In der Schrebergartenanlage Donnersberg-Kleinvierwiesenhahn hat er in der Nacht zum Sonntag zugeschlagen, der gemeine Talpa Europaea. Gewissenhaft und lückenlos hat er den mit der Pinzette in Form gestutzten englischen Rasen der Herren Nöll, Bauer und Stieger, resp. Kassenwart, Satzungsverantwortlicher und Vereinsleiter der „Veilchenfreunde Donnersberg e.V.“, umgepflügt. Gartenzwerge gingen zu Bruch, Stiefmütterchen kamen zu Tode, und die Nachbarn wechselten fortan grußlos die Straßenseite, wenn ihnen die Herren Nöll, Bauer und Stieger begegneten. Haben sich doch just für nächste Woche die Juroren des Wettbewerbs „Deutschlands schönstes Fleckchen“ angekündigt, man hat den Asti spumanti in der Teeküche des Bürgerhauses schon kalt gestellt und dem Kopfsteinpflaster der Hauptstraße eine Spezialpolitur gegönnt.

Und nun so etwas. Wo der Rundgang der Juroren doch ausgerechnet in der Schrebergartenanlage beginnen sollte. Da kommt den Herren Nöll, Bauer und Stieger plötzlich der Gemeinsinn abhanden und sie lassen ihr Flurstück ruch- und gewissenlos verlottern.

Die Herren Nöll, Bauer und Stieger waren indes nicht minder empört. Herr Nöll lief puterrot an vom Brusthaar bis zur Glatze, als er des Ausmaßes der Verwüstung gewahr wurde. Herr Bauer stakste derb fluchend mit erhobenem Rechen von Erdhügel zu Erdhügel, zerteilte den ein oder anderen und hockte sich schließlich lauernd vor einen Haufen noch feuchter Erde, wo er ergebnislos den Rest des Nachtmittags verharrte. Herr Stieger ertränkte das Trauerspiel ohne zu zögern in Kerosin, erst hinterher fiel ihm ein, dass nun auch das, was vom Grünkohl noch übrig war, nicht mehr zu gebrauchen ist.

Der Maulwurf zeigte sich von all dem wenig beeinduckt. Sein Triumphgebaren war indes voreilig: Seine Kontrahenten hatten vielleicht die Schlacht verloren, aber nicht den Krieg, nein, den noch lange nicht!

Man fand sich dann tags darauf bei Herrn Bauer ein, um sich über die Kampfstrategie zu verständigen. Herr Bauer hat nämlich erst kürzlich einen Heimcomputer erworben und kennt sich aus in diesem worldweit Wepp, das man mal fragen könnte, ob es weiß, wie man Maulwürfe vernichtet.

Man versammelte sich also vor dem Bildschirm, Frau Bauer brachte Wurstschnittchen und Weißbier. Man fachsimpelte, tippte hier, klickte da, bedachte jeden Schritt mit skeptischem Grunzen, hochkonzentriertem Stirnrunzeln oder bedächtigem Kopfnicken als Ausdruck tiefen Verständnisses. So recht preisgeben wollte sie erst nix, die Maschine, dann aber, endlich, entlockte man ihr doch das Geheimnis wirkungsvoller Schädlingsbkämpfung!

Monoseptische D17-Aminosäuren, so behauptet das Internet, haben schon Australien vom Maulwurfbefall befreit. Da dürfte dann die Schrebergartenanlage Kleinvierwiesenhahns, die in ihrer Ausdehnung schätzlungsweise höchstens halb so groß ist, kein Problem darstellen. Die Wissenschaft, die sich mit Maulwürfen beschäftigt, so das Internet, heißt Topologie.

Zufrieden schnaufend griff Herr Bauer zum Notizblock und notierte: „Monoseptische D17-Aminosäuren. Topologie. Bücher besorgen“. Schon sah die Zukunft nicht mehr gar so finster aus, man dekorierte sich im Geiste schon mit den Siegerschärpen des Stadtverschönerungswettstreites und besiegelte den Pakt im Kampf gegen das Untier mit einem kräftigen Handschlag.

Meine Herren, ich bin glücklich, Ihnen weitergeholfen zu haben, proste Ihnen ganz herzlich mit meinem Pfefferminztee von meinem Platz hier hinter Ihrem Bildschirm aus zu und halte Ihnen sämtliche Daumen für den Tag der Entscheidung!

Ach und… wenn Sie mit Ihrer Lektüre der Topologie-Bücher beim Satz von Tychonoff angelangt sind, melden Sie sich nochmal, ja? Ich hätte da ein paar kleine Verständnisfragen…

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Mehr Nutzhanf! Mehr Strohballenhäuser!

Sie sind noch unsicher, wen Sie wählen? Wollen Sodom entmachten und Gomorrha verhindern? Meine Empfehlung: Wählen Sie die Violetten, die Partei für spirituelle Politik!

Nie gehört? Dann hier in aller Kürze Parteiprofil und -programm, objektiv paraphrasiert mit Original-Zitaten von der Homepage der Violetten als Dreingabe:

Ziel ist eine Gesellschaftsordnung, deren Grundpfeiler „Selbsterkenntnis durch die individuelle spirituelle Entwicklung“, Liebe, Toleranz und das „Wohl allen Seins“ sind. Spirituelle Politik bedeutet, „das Verbindende statt des Trennenden zu betonen“ und „das Göttliche in allem[,] was ist[,] zu sehen“. Um Skeptikern jetzt gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, nein, „die Partei gehört keiner Sekte, Religion oder Glaubensgemeinschaft an“.

Für eine neue Ganzheitlichkeit handeln, das heißt zum Beispiel, das Gesundheitswesen von Grund auf umzukrempeln. Denn Krankheiten sind Manifestationen negativer energetischer Schwingungen, ergo muss man (mit naturheilkundlichen Methoden) vorbeugen und Körper, Geist und Seele jedes Bürgers in Einklang bringen.

Brisante Themen des aktuellen politischen Geschehens scheut man trotz ganzheitlicher Perspektive nicht und positioniert sich mit klaren Aussagen im Meinungsspektrum der Parteienlandschaft: „Aus dieser höheren Sicht ist die Zuweisung von Täter- und Opferrollen nicht mehr sinnvoll“ (nein nein, gemeint ist „aus höherer Sicht“: Sie müssen von der konkreten Situation schon abstrahieren!)

Ökologisches Denken zu fördern ist den Violetten ein Grundanliegen. Strohballenhäuser, so führt man an, seien eine sinnvolle Alternative zum „konventionellen Ziegelbau“. Nein, sie brennen nicht. Und ja, man kann auch mehrgeschossig bauen. Aber das Beste: „Um- und Anbauten sind leicht realisierbar“! Weiterhin könne man Plastik durch Nutzhanf als Universalrohstoff ersetzen. Nur um Missverständnissen an dieser Stelle vorzubeugen: „Nutzhanf ist vom Thema „Drogen“ strikt zu trennen, denn er ist THC-arm und daher zum „high-werden“ nicht geeignet…“ (Na na, was sollen denn diese ironischen Anführungsstriche und die sprechenden Auslassungspunkte am Satzende? Das wollen wir aber nicht gehört haben!) Nutzhanf eignet sich auch als Benzinersatz. Das habe schon Ford erkannt, der schon damals ein ökologisches „Auto vom Acker“ mit einer Karosserie aus Flachs, Hanf und Weizen entwickelt habe. (Glauben Sie nicht? Take a gram of soma!)

Was die Wirtschaftsordnung dieses unseres Landes betrifft, so erkennen die visionären Violetten den neuralgischen Punkt sofort: „In einer endlichen Welt kann es kein unendliches Wirtschaftswachstum geben!“ Sie können nicht folgen? Dann hier die Erklärung: Hätte Joseph bei Christi Geburt einen Pfennig angelegt, dann wäre der heute, allein durch die Zinsen, so viel Wert wie „216 Mrd. Erdkugeln aus purem Gold“. Und das ist ja wohl kaum möglich, q.e.d. Man will den Kapitalismus aber nicht gleich abschaffen. Nur die Schönheitsfehler etwas ausbessern, z.B. durch Komplementärwährungen. Das sind Währungen, die nur in bestimmten Regionen Zahlungsmittel sind und ergo selbige als Wirtschaftsstandorte stärken. Das gibt es tatsächlich, wie erläutert wird: den „Chiemgauer“ in Südbayern zum Beispiel. Und das kam so: „Das Schülerprojekt einer Waldorfschule wurde 2002 ins Leben gerufen und hat sich inzwischen zu einer ernstzunehmenden und regional gern gesehenen Zweitwährung entwickelt“. Ei, des wär doch s rischtische für Hesse! De „Äppler“, zwoehalb Äppler e Euro!

So, und jetzt auf zu den Urnen! Und vergessen Sie nicht: „Alles ist Schwingung„!

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Für das Wohl des Kollektivs: Blogmaries Stellenbörse

Genossinnen und Genossen,

stolz und andächtig werden wir dieser Tage Zeuge, wie eine neue, strahlende Ära anbricht. Das zarte Rot des Morgengrauens setzt dem Grauen der kapitalistischen Nacht ein Ende. Die Klassengesellschaft liegt agonisiserend darnieder, sie hat sich selbst verzehrt in ihrem blutigen Kampf um Geld und Macht. Tödliche Wunden klaffen in ihrem Fleisch, die die Fäulnis ihres Innern gewahr werden lassen. Die einstigen Prunkbauten der Bourgeoisie: nunmehr ein Trümmerhaufen, auf dem wir unsere junge Kommune errichten. Die Säulen unserer Gemeinschaft sind nicht blinder Individualismus und unstillbare Gier, sondern Solidarität, Kollektivwohl und Stärke durch Einheit.

Feierlich, jedoch ohne Trauer tragen wir nun die Marktwirtschaft zu Grabe und schaffen gemeinsam eine Arbeitswelt, die – vom Fluch des Krösus‘ befreit – uns alle, unseren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend, unentgeltlich teilhaben lässt an der gesellschaftlichen Produktion materieller wie nicht-materieller Güter.

Diese Stellenbörse, Genossinnen und Genossen, hat sich ganz dem Geist der Neuen Zeit und dem Wohl des Kollektivs verschrieben. Lasst uns Seit an Seit kämpfen und stellt eure Arbeitskraft uneigennützig für eine der folgenden gesellschaftlichen Aufgaben zur Vefügung!

Chiffre #18756: Praktikum Texter/Redakteur

„idealerweise haben sie eine ausbildung als texter/in oder ein artverwandtes studium erfolgreich abgeschlossen und bereits erste erfahrungen in der praxis sammeln können.“ (anm. v. bm.: artverwandt sind z.b. texter, lektoren, redakteure etc, ebenso wie bekanntlich schimpansen, gibbons, orang utans usw)

„die aufgaben reichen dabei von der recherche über das verfassen bis zum redigieren von texten.“ (groß- und kleinschreibung müssen sie nicht beherrschen, der anbieter betrachtet sich als artverwandt mit englischsprachigen pr-agenturen)

„wir bieten ihnen die möglichkeit, ihre fähigkeiten als texter/in einzubringen und weiterzuentwickeln. dafür erwarten wir engagement, flexibilität und belastbarkeit, sowie die fähigkeit zum selbstständigen arbeiten und die integration in ein bestehendes team.“ (lobend möchte ich an dieser stelle das feine gespür für geben und nehmen hervorheben, für die konjugation von kompetenzen unter der ägide des gesamtgesellschaftlichen fortschritts)

Chiffre #87234: Praktikum eierlegende Wollmilchsau

„Deine während des Studiums erworbenen Kenntnisse kannst du in einem 6 monatigem (sic!) Praktikum im Bereich Technische Redaktion/Übersetzung praxisnah einsetzen.“ (Du hast vorzugsweise Maschinenbau und Jura studiert und bist staatlich geprüfter Übersetzer für die Kombination Deutsch-Englisch-Spanisch, denn:)

„Deine Aufgaben umfassen: die Übersetzung von Betriebsanleitungen, technischen Daten, Power Point-Präsentationen zur Fortbildung, die Übersetzung allgemeiner betriebsinterner Informationen sowie juristischer Texte. Weiterhin unterstützt du uns bei der Erstellung eines online-Wörterbuchs in den Sprachen Deutsch-Spanisch-Englisch für das betriebsinterne Intranet. Du archivierst abgeschlossene Übersetzungen, stellst die technische Dokumentation der produzierten Maschinen zusammen […] und aktualisierst Betriebsanleitungen und Schaubilder mit Hilfe des Programms Quiksilver.“

Chiffre #12698: Praktikum als PR-Berater mit evt. anschließendem Volontariat mit evt. Option auf eine anschließende Freelancer-Tätigkeit

„Es ist auf 6 Monate ausgelegt und schließt ausdrücklich eine Option auf Verlängerung in Form eines 18monatigen Volontariats mit ein. Nach zwei Jahren besteht zudem die Möglichkeit, als Junior PR-Berater übernommen zu werden.“

„Wenn Sie der Job reizt, sollten Sie Ihre Eignung noch prüfen. Wir bieten viel, verlangen dafür aber auch einiges von Ihnen:“ (Wieder ein vorbildlicher Tauschhandel ohne den kapitalistischen Umweg über Giro-Konten: danke, Genosse!)

„Sie verfügen über Abitur und einen Hochschul- oder einschlägigen Fachabschluss. Deutsch ist Ihre Muttersprache bzw. Sie können gleichwertige Kenntnisse nachweisen.“ (denn wenigstens einer im Team sollte das ja können)
„Sie haben bereits erste Berufserfahrungen (in Form von Praktika etc.) gesammelt.“ (denn es macht ja wohl Sinn, für die Arbeit als Praktikant Erfahrungen als Praktikant zu erwarten)
„MS Office und das Arbeiten im Internet beherrschen Sie ohne Probleme auch in einem fortgeschrittenen Level.“ (und auch englisch sprechen Sie fließend und in hohem Niveau)
„Sie haben ein natürliches Organisationstalent.“ (die Betonung liegt auf „natürlich“: das sollten Ihre Gene schon hergeben)
„Für das Schreiben von Texten haben Sie nicht nur Talent, sondern Sie haben auch Spaß daran.“ (und wenn Sie dann noch einen Hang zu holprigen Substantivierungen haben, passen Sie perfekt in das bestehende Team!)

Chiffre #56239: Praktikum Hauswirtschafter

Stell die in deiner hauswirtschaftlichen Ausbildung erworbenen Kenntnisse sowie deine lebenspraktischen Fähigkeiten in meinem galaktisch verkommenen Haushalt unter Beweis.

Ich biete dir, Genosse, ein unter Müllbergen erstickendes Paradies für Hausstaubmilben mit einer Vielzahl defekter Gerätschaften, unsäglich schäbiger Inneneinrichtung und einem herausfordernd schmalen Haushaltsbudget, das den Einsatz mathematisch äußerst komplexer Analyse- und Kalkulationsmodelle unverzichtbar macht.

Das ist großzügig, im Gegenzug erwarte ich natürlich auch so einiges: Du solltest nicht älter als 30 und auch rein physisch für die Stelle geeignet sein. Du zauberst dreimal täglich die herrlichsten Gerichte auf meinen Resopalküchentisch (die Töpfe bringst du selbst mit), verwandelst den Wildwuchs hinterm Haus in einen japanischen Blütentraum, kachelst mein Bad neu, machst der Kakerlakenplage ein Ende und gibst meinen Nikotin-gelben Vorhängen ihre ursprüngliche Farbe zurück.

Als Dank für deinen Einsatz, Genosse, bekommst du von mir nach Ablauf der 6 Monate zusätzlich einen kostenlosen Haarschnitt. Einen Topf bringst du ja mit.

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