Impressionen des Tages

  • Eine Perle aus der Kategorie „Irrelevante Relativsätze“, heute an der Aldi-Kasse belauscht: „Sie haben doch Uhren im Angebot, wo sind die denn? Mein Sohn, der ja jetzt Soldat ist, hat mich gebeten, ihm eine zu kaufen.“
  • Der Kollege, mit dem ich das Büro teile, hatte heute morgen sämtliche Rollos heruntergelassen und das Licht nicht angeschaltet. Auf irritierte Nachfragen sowie stichelnde Bemerkungen ob seiner rätselhaften Lichtempfindlichkeit reagierte er leicht gereizt, weshalb ich die Finger vom Lichtschalter ließ und mich heute mal mit dem schummrigen Widerschein meines Röhrenmonitors begnügte.
  • Wegen Abwesenheit des für die Übersetzung der Korrespondez zuständigen Kollegen legte man mir eine in ganz unglaublichem Bürokommunikationsdeutsch verfasste Kurzmeldung vor, die da etwa lautete: „Anbei das Dokument, erwarten das Okay bis zum Tag x. Nicht-Einhalten der Deadline heißt für Sie Verzögerung der Lieferung.“ Können Sie sich vorstellen, wie impertinent das für französische Ohren klingt? Ich bin nicht sicher, ob ich dem Feldwebelton wirklich die Schärfe habe nehmen können; nein, eigentlich habe ich das entrüstete „Oh là là“ der Adressatin förmlich hören können. Wahrscheinlich boykottiert sie jetzt aus Prinzip die Deadline, und ich bin schuld.
  • Ich fühlte mich seltsam erschlagen, als ich nach Hause kam, und ließ mich erstmal vor dem Fernseher nieder. 3Sat lieferte mir prompt die Erklärung für meinen akuten Phlegmatismus: Lichtmangel, so der Experte im Interview, sei schon heute ein Problem im Leben des seines Biorhythmus‘ entfremdeten Menschen und werde sich bald zu einem ernst zu nehmenden Störfaktor des Fortschritts entwickeln. Lichtmangel führe zu Müdigkeit, denn der Körper denkt: Dunkel, also schlafen. Morgen bleiben die Rollos oben. Da muss der Kollege eben morgens besser Acht geben beim Rasieren.
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Bongo

In der U-Bahn, kurz nach Schulschluss. Hinter mir ein paar halbstarke Lümmel von der ersten Bank im Tokio-Hotel-Style. Sie haben offenbar gerade die Rebellion für sich entdeckt, fläzen raumgreifend auf den Vierersitzgruppen hinter mir und brüllen sich sowie allen Mitreisenden in changierenden Stimmlagen provokativ rassistische Bemerkungen zu, die sie wechselseitig mit anerkennendem Grölen quittieren. Tja, wer den Schaden hat, denke ich hämisch, als folgender Satz fällt:

  • „Ey, wenn meine Frau ’n Baby kriegt, und es ist schwarz, ey, ich würd das Bongo nennen!“

Da gibt es wohl Lebensbereiche, mit denen wir noch nicht in Kontakt gekommen sind, wa, kleiner Rotzlöffel? Frag mal den Papa, wie das genau ist, mit diesen Zusammenhängen. Und welche Fragen – abgesehen von der Wahl des Vornamens – sich aufdrängen, wenn deine Frau dir im Kreißsaal ein dunkelhäutiges Baby in die Arme drückt.

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Blogmarie in Dokumenten

Jeder hat mal klein angefangen. Blogmarie besonders klein, den Kommentaren in ihrem soeben beim Ausmisten aufgetauchten Aufsatzheft aus ihrer Grundschulzeit nach zu urteilen.

  • „Das ist Deine erste Geschichte, die du ganz allein geschrieben hast. Du hast sehr nett erzählt. (Die Rechtschreibung wurde nicht verbessert.)“
  • „Leider ist die Geschichte, obwohl du nett erzählt hast, nicht richtig, da Du das Tretauto nicht in den Mittelpunkt Deiner Geschichte gestellt hast.“
  • „Du hast eine Geschichte erzählt, der ein richtiger Höhepunkt fehlt. Du hast viele Dinge nur beschrieben, aber es passiert nichts. Deine Sätze sind zu kurz.“

Der Tenor des ersten Kommentars ist mir in diversen Kontexten im weiteren Verlauf meiner Bildungslaufbahn wieder begegnet, beispielsweise in der Form: „Hat an der Orchester-AG [sprechende Ellipse] teilgenommen.“; oder „Dass der brillante Hauptteil der Arbeit etwas überdimensioniert ausgefallen ist, darf man als Schönheitsfehler werten.“

Die beiden folgenden Beurteilungen zeigen deutlich, wie früh sich meine Vorliebe für Avantgarde-Literatur Bahn brach. „Wider die Regelpoetik“, dachte ich offenbar schon damals. Schrieb Geschichten mit falschen Themen, wie einst die modernes in der querelle, und plättete Peripetien zu nulllinienförmigem, semiaphasischem Wortbrei wie Huysmans. Und das in schönstem Blogger-Stakkato. Wenn das nicht visionär war?

Symbol für die Form, die Literatur zu haben hat, war in meinem Deutschunterricht die Maus: Vom Schnäuzchen angefangen steigt die Handlung bis zum Buckel und fällt dann ab bis zum Dénouement, vulgo Mauseschwanz. Resigniert beugte ich mich zuweilen der altbackenen Literaturkonzeption meiner Lehrerin, schrieb mausförmig, und erntete dann auch Lob. Und was für welches:

  • „Du hast sprachlich und inhaltlich sehr gut Geschichte geschrieben [sic!].“

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No seas mufa!

„No seas mufa!“, antwortet man in Argentinien jemandem, der schwarzmalerisch unheilvolle Geschehnisse in der Zukunft heraufbeschwört. Das kann schnöde Alltäglichkeiten betreffen: „Schon kurz vor Ladenschluss. Wahrscheinlich geraten wir jetzt noch in einen Stau und kommen gerade zwei Minuten zu spät an!“, „No seas mufa!“; oder auch nationale Großereignisse: „Und wenn Messi verletzt ist? Dann verlieren wir am Ende gegen Deutschland!“, „No seas mufa!“. Es ist eine landestypische Redewendung, eine Gesprächsfloskel, und doch ein bisschen mehr als nur das: Dahinter steht der Glaube an die prophetische Macht der Worte, die man durch eben diese Formel zu bannen versucht. Man braucht den Stau nur zu erwähnen, so glaubt man in Argentinien, prompt wird ein paar Kilometer weiter die linke Fahrbahn gesperrt und man hängt gleich hinter der nächsten Kurve dem Vordermann auf der Stoßstange. Man fachsimpelt nach Feierabend in irgendeiner Hinterhofspelunke in Buenos Aires über Fußball, und padauz, stolpert Messi am anderen Ende der Welt über seine Schnürsenkel, Kreuzband hinüber, WM ade.

Natürlich ist das tumber, längst überwundener Aberglaube, dem der gebildete Atheist nicht viel abgewinnen kann. Auf der anderen Seite muss man das Unglück ja auch nicht auf Teufel komm raus herausfordern. Zum Beispiel, indem man vor der Klausur mit der Kommilitonin folgendes Gespräch führt:

  • Also, in Diskreter bin ich fit. Hab alle Übungsaufgaben nochmal wiederholt. Also alle bis auf diese eine zu Pollards Rho-Verfahren, da hatte ich so meine Verständnisschwierigkeiten, aber gut, diese eine da..
  • Kodierungstheorie. Das ist das, was ich aus der Diskreten nicht so drauf hab. Wenn wenigstens eine Diophantische Gleichung drankommt, oder irgendeine Anwendung des Chinesischen Restsatzes… boah, ich wär so dankbar.
  • Ja und die Grundvorlesungen… mein Hirn ist da zu löchrig, ich hab sie zwar nochmal angeschaut, aber das ist jetzt auch schon wieder ein paar Wochen her.
  • Geht mir auch so. Also, die Standard-Dinger hat man ja eh drauf und so die groben Zusammenhänge, aber irgendso lange Sätze mit zig Voraussetzungen, die man danach auch nicht mehr so benutzt hat, weiß ich, Satz über implizite Funktionen oder so, ob ich die dann spontan so zusammen kriege…

Jetzt darf die liebe Leserschaft aus dem vorher Gesagten selbst erschließen, welche Aufgaben der Umschlag mit der Klausur zu Tage beförderte und welche leider nicht. Zum Glück hatten wir keine Zeit mehr, uns auch noch über Topologie und Differentialgleichungen auszutauschen, das hat meine Klausur letztlich – hoffentlich – gerettet!

(PS: Lieber Herr ramses, der Satz des Pythagoras kam leider auch nicht dran. Obwohl ich den mitsamt Beweis und Folgerungen ganz locker aus dem Ärmel geschüttelt hätte… da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!)

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In genau 9 Stunden…

… stehe ich vor lauter Nervosität kettenrauchend vor dem Hörsaalgebäude und versuche fieberhaft aber erfolglos, mich an die 27.000 Sätze, Korollare und Lemmata zu erinnern, die ich eigentlich im Schlaf und rückwärts beweisen können müsste, die aber just in dem Moment zu einem amorphen Klumpen aus griechischen Buchstaben, formallogischen Verknüpfungen und minimalistischen Syntaxfragmenten zu verschmelzen drohen. Die lieben Kommilitonen garnieren die Tatsache, dass sie die letzten drei Seiten des Skripts über Funktionentheorie übersprungen haben, mit einem selbstbewussten „Mut zur Lücke“, was mir noch den letzten Funken Zuversicht raubt angesichts des Umstandes, dass ich gleich die komplette Vorlesung mit demselben Argument bei der Vorbereitung außer Acht gelassen habe. Innerlich öffne ich schonmal den Umschlag mit der Klausur, und natürlich erblicke ich ausschließlich Aufgaben zu Bereichen, die ich in meinen Skripten und Büchern mit großen roten Fragezeichen dekoriert habe. Das sind ziemlich viele. Genau genommen so gut wie alle. Welche eigentlich nicht? Ja, welche denn eigentlich nicht? Selbst wenn man mir gleich meinen allerersten Übungszettel zu meiner allerersten Anfängervorlesung, eben den aus der ersten Studienwoche, vorlegen würde, ich könnte nichts davon lösen. Wahrscheinlich würde ich das aber nicht einmal merken, weil ich mich nicht an meinen ersten Übungszettel erinnere. Da drängt sich die Frage auf, warum habe ich eigentlich studiert? Und warum ausgerechnet Mathe? Philospohie, Juristerei, Theologie, nun gut, aber Mathe?

Wenn ich näher drüber nachdenke: ein Abschluss reicht doch eigentlich. Was mache ich also hier zu nachtschlafender Zeit um 9 Uhr morgens und ruiniere unnötig meine Nerven? Vielleicht gehe ich doch lieber ins Café gegenüber, frühstücke gemütlich, fahre dann zum Flughafen und wandere ganz spontan in ein Land mit mildem Klima und gutem Essen aus. Ja, das ist ein guter Plan. Jetzt geht es mir besser.

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Asymmetrische Primkörper oder warum hier erstmal Schluss ist mit lustig

Die lieben Kommilitonen lernen seit gut einem Jahr diszipliniert, gewissenhaft und in verträglichen kleinen Dosen, Blogmarie merkt erst zwei Wochen vorher, dass sie längst rückwärtig im Grundeis steckt. Sie hat das letzte halbe Jahr damit zugebracht, Inkohärentes in den Äther zu quäken. Nach Gutsherrenart hat sie mal hier mal da gepöbelt, um dann zeternd weiter zu rauschen. Nicht nur interaktiv, sondern auch ganz klassisch, im Café zusammen mit den Schnatterlieschen ihres nicht-virtuellen sozialen Netzes. Den Rest der Zeit hat sie geschlafen. Sich selbst hat sie nicht auf die Prüfungen vorbereitet, wohl aber ihre Umwelt, z.B. ihren Chef, dem sie etliche Tage Lern-Sonderurlaub aus den Lippen gereiert hat.

Konsequenz? Abstinenz. In Blog- und allen sonstigen Belangen. Für zwei Wochen. Statt dessen gefühlte 48 Stunden am Tag im Schweinsgalopp durch die Mathematik, von Automorphismen bis zu Zellkomplexen und zurück, Differentialgleichungen rauf und Poissonverteilungen runter. Mit exponentiell wachsendem Lernfortschritt versteht sich. In der Klausur haut sie dann sowas von rein, es sei denn, sie versteht die Aufgabenstellungen nicht. Ein leeres Blatt gibt sie dann aber trotzdem nicht ab, denn sinnfreie Kommentare sind uns allen ja lieber als gar keine Reaktion, deswegen hat sie sich für den Fall der Fälle vorgenommen, zu jeder Frage ein hübsches kleines Antwortsätzchen zu verfassen. „Werter Herr Prof. Dr. Klöbner, selbstverständlich ist jeder Primkörper asymmetrisch, alle Körper sind das, schauen Sie nur mal in den Spiegel. Prim ist generell ein unattraktiver Zug, da bleibt beim Dividieren immer dieser unschöne Rest, ich habe nie verstanden, wie man den wegkriegt. Wie dem auch sei, das kommt mir nicht in die Wanne, ehrehrbietig, Müller-Lüdenscheid.“

Und danach? Je nachdem. Versicherungsprämien berechnen oder Sanitäranlagen pflegen. In ein paar Wochen weiß Blogmarie mehr und teilt es Ihnen mit. Bald. Hier. Es bleibt also spannend.

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Gestern Abi, heute wichtig

Neulich im Postfach: „Hallo Leute, wir haben uns ja seit dem Abi nicht mehr gesehen, da dachte ich, ich organisier mal ein Treffen!“

Ein Gestern-Abi-Heute-Wichtig-Event für Prahlhänse und Lebenslaufhuren gefällig? Mal wieder auf einer Profilierungsplattform testen, wie ausgeprägt die eigenen Imagecontrol-Fähigkeiten sind? Ich gehe von Zeit zu Zeit gerne zu Treffen dieser Art, nicht so sehr um mich selbst in Szene zu setzen, sondern um die anderen bei ihren Verrenkungen zu beobachten und mich am kalten Buffet zu laben. Das liefert immer genug Stoff für ein 5-Stunden-Telefonat mit der besten Freundin.

Zu den Spielregeln solcher Treffen gehören gewisse Verschleierungstaktiken der Sensationsgier aber einfach dazu, finde ich. Man lädt um der Wiedersehensfreude willlen, aus Nostalgie, um gemeinsam in Erinnerungen an vergangene Schultage zu schwelgen. Dass es einem vordergründig darum geht, den Status Quo des eigenen Lebens möglichst gewinnbringend mit dem der ehemaligen Mitschüler zu vergleichen (um es mal unter Vermeidung der sonst üblichen Metapher zu formulieren), das schreibt man zumindest nicht gleich in die Einladung. Wenn allerdings direkt auf den Einleitungssatz ein Lebenslauf in Kurzform folgt – und zwar so formuliert, als seien die Adressaten nicht die Freunde von damals, sondern die Personalabteilung der Firma, die diese ungemein attraktive Stelle zu besetzen hat – dann denke auch ich: Danke, ich gehe an dem Abend doch lieber ins Kino.

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