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Schubladendenken

… ist eine Art zu denken, die man immer nur bei anderen feststellt, aber nie bei sich selbst. Zum Beispiel bei blondierten und bornierten Mitabsolventinnen, die sich für die crème de la crème der Bildungselite halten und fortan nur noch in akademischen Kreisen verkehren. Die sich mondän geben seit dem Auslandssemester in Irland, das Papa spendiert hat, und der Weltreise nach dem Examen, ebenfalls ein Geschenk von Papa als Belohnung für das gute Zeugnis. Die mit dem gemeinen Volk aber nie in Kontakt gekommen sind, weil sie nicht halbtags nebenher ihre Brötchen verdienen mussten. Die ihr Rekordzeitstudium und den Einser-Schnitt trotzdem einzig und allein ihrer phänomenalen Intelligenz zuschreiben.

Und dann trifft man auf der Absolventenfeier (zu der man nur der Form halber erschienen ist) auf so eine blondierte Mitabsolventin, die kein bisschen arrogant ist, über niemanden lästert und keine aus Vorurteilen gesponnenen Reden schwingt. Die einen bei aller Flüchtigkeit der Bekanntschaft herzlich begrüßt, und mit der man sich ganz prima unterhält.

Dann beginnt man klammheimlich und ziemlich beschämt, die Etiketten von den eigenen Schubladen zu kratzen.

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