Posts tagged Literatur

Blogmarie in Dokumenten

Jeder hat mal klein angefangen. Blogmarie besonders klein, den Kommentaren in ihrem soeben beim Ausmisten aufgetauchten Aufsatzheft aus ihrer Grundschulzeit nach zu urteilen.

  • „Das ist Deine erste Geschichte, die du ganz allein geschrieben hast. Du hast sehr nett erzählt. (Die Rechtschreibung wurde nicht verbessert.)“
  • „Leider ist die Geschichte, obwohl du nett erzählt hast, nicht richtig, da Du das Tretauto nicht in den Mittelpunkt Deiner Geschichte gestellt hast.“
  • „Du hast eine Geschichte erzählt, der ein richtiger Höhepunkt fehlt. Du hast viele Dinge nur beschrieben, aber es passiert nichts. Deine Sätze sind zu kurz.“

Der Tenor des ersten Kommentars ist mir in diversen Kontexten im weiteren Verlauf meiner Bildungslaufbahn wieder begegnet, beispielsweise in der Form: „Hat an der Orchester-AG [sprechende Ellipse] teilgenommen.“; oder „Dass der brillante Hauptteil der Arbeit etwas überdimensioniert ausgefallen ist, darf man als Schönheitsfehler werten.“

Die beiden folgenden Beurteilungen zeigen deutlich, wie früh sich meine Vorliebe für Avantgarde-Literatur Bahn brach. „Wider die Regelpoetik“, dachte ich offenbar schon damals. Schrieb Geschichten mit falschen Themen, wie einst die modernes in der querelle, und plättete Peripetien zu nulllinienförmigem, semiaphasischem Wortbrei wie Huysmans. Und das in schönstem Blogger-Stakkato. Wenn das nicht visionär war?

Symbol für die Form, die Literatur zu haben hat, war in meinem Deutschunterricht die Maus: Vom Schnäuzchen angefangen steigt die Handlung bis zum Buckel und fällt dann ab bis zum Dénouement, vulgo Mauseschwanz. Resigniert beugte ich mich zuweilen der altbackenen Literaturkonzeption meiner Lehrerin, schrieb mausförmig, und erntete dann auch Lob. Und was für welches:

  • „Du hast sprachlich und inhaltlich sehr gut Geschichte geschrieben [sic!].“

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Literatur in Listen

Zugegeben, es gibt Schlimmeres. Die Porzellanelefanten-Sammlung aus dem Hause Goebel in der Wohnzimmervitrine zum Beispiel. Gerahmte, nachkolorierte Bilder von Sonnenuntergängen aus dem Bildkalender 2007 im Treppenaufgang. Zierbambus in Standvasen neben dem Fernsehschrank. Dagegen nimmt es sich eher harmlos aus, akurat Listen zu führen über gelesene Werke, am Jahresende Bilanz zu ziehen und eine weitere Liste der Werke zu erstellen, die man im kommenden Jahr zu lesen gedenkt.

Dennoch, die Literaturliste ist von der Porzellanelefanten-Sammlung nicht allzuweit entfernt. Sie ist gewissermaßen die Porzellanelefanten-Sammlung des Bildungsbürgertums. Denn welchen Umgang mit Literatur bringt diese Archivierung literarischer Werke zum Ausdruck? Weist man auf die Art Büchern nicht den gleichen Stellenwert zu wie materiellen Gütern, wie dem Nippes und Tand auf der Fensterbank, Gütern, die man besitzen kann, und an deren Menge und Qualität sich der soziale Status bemisst? Literatur als bloßer Maßstab für die kulturelle Bildung ihrer Leser?

Der Zierbambus spielt dann etwa in der gleichen Liga wie literarische Serientäter, die Fantasyromanreihen verbrechen. Ein Interieur, das den Design-Wohnwelten innenarchitektonischer Fachzeitschriften nachempfunden ist, liegt in der gleichen Kategorie wie die neuesten Feuilleton-Empfehlungen. Eine Original-Kohlezeichnung des jungen Picasso überm Bett entspricht „Finnegans Wake“ auf dem Nachttisch.

Ich würde gerne eine Zeitreise machen. 150 Jahre zurück ins Paris der Künstler-Bohème. Ich würde Baudelaire ausfindig machen, in einer der Opiumhöhlen, oder im Freudenhaus. Dann würde ich ihn fragen, was er davon hält, dass seine „Blumen des Bösen“ in Zukunft zur Grundausstattung jeder gutbürgerlichen Privatbibliothek zählen werden. Dass sie in Tausenden von Eichenregalen langsam vergilben. Dass sie in vielen „Literaturlisten 2007“ auftauchen, als Eintrag: „Charles Baudelaire. Blumen des Bösen. Lyrik. 1857“.

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