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Literatur in Listen

Zugegeben, es gibt Schlimmeres. Die Porzellanelefanten-Sammlung aus dem Hause Goebel in der Wohnzimmervitrine zum Beispiel. Gerahmte, nachkolorierte Bilder von Sonnenuntergängen aus dem Bildkalender 2007 im Treppenaufgang. Zierbambus in Standvasen neben dem Fernsehschrank. Dagegen nimmt es sich eher harmlos aus, akurat Listen zu führen über gelesene Werke, am Jahresende Bilanz zu ziehen und eine weitere Liste der Werke zu erstellen, die man im kommenden Jahr zu lesen gedenkt.

Dennoch, die Literaturliste ist von der Porzellanelefanten-Sammlung nicht allzuweit entfernt. Sie ist gewissermaßen die Porzellanelefanten-Sammlung des Bildungsbürgertums. Denn welchen Umgang mit Literatur bringt diese Archivierung literarischer Werke zum Ausdruck? Weist man auf die Art Büchern nicht den gleichen Stellenwert zu wie materiellen Gütern, wie dem Nippes und Tand auf der Fensterbank, Gütern, die man besitzen kann, und an deren Menge und Qualität sich der soziale Status bemisst? Literatur als bloßer Maßstab für die kulturelle Bildung ihrer Leser?

Der Zierbambus spielt dann etwa in der gleichen Liga wie literarische Serientäter, die Fantasyromanreihen verbrechen. Ein Interieur, das den Design-Wohnwelten innenarchitektonischer Fachzeitschriften nachempfunden ist, liegt in der gleichen Kategorie wie die neuesten Feuilleton-Empfehlungen. Eine Original-Kohlezeichnung des jungen Picasso überm Bett entspricht „Finnegans Wake“ auf dem Nachttisch.

Ich würde gerne eine Zeitreise machen. 150 Jahre zurück ins Paris der Künstler-Bohème. Ich würde Baudelaire ausfindig machen, in einer der Opiumhöhlen, oder im Freudenhaus. Dann würde ich ihn fragen, was er davon hält, dass seine „Blumen des Bösen“ in Zukunft zur Grundausstattung jeder gutbürgerlichen Privatbibliothek zählen werden. Dass sie in Tausenden von Eichenregalen langsam vergilben. Dass sie in vielen „Literaturlisten 2007“ auftauchen, als Eintrag: „Charles Baudelaire. Blumen des Bösen. Lyrik. 1857“.

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