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Jahr der Mathematik: Erleb! die! Magie!

Blogmariechen entwickelte bereits im zarten Vorschulalter eine ausgepägte Feinfühligkeit für Lernspaßmanipulationen seitens der erziehungsberechtigten Antiautoritäten. In den frühen 80ern war das nicht schwer, da hatten die Lern-Spiel-Spaß-Autonomie-Konzepte der 68er gerade die breite Öffentlichkeit erreicht und die Kinderzimmer in Form von Ich-lerne-die-Uhr-Bilderbüchern mit beweglichen Zeigern, Magnettafeln mit bunten Plastikbuchstaben, Chemie- und Elektronik-Baukästen und LÜK-Tafeln erobert. Das Spiel war leicht zu durchschauen, und wer lässt sich schon gerne auf derart tumbe Weise manipulieren? Blogmariechen jedenfalls nicht: die Zeiger im Bilderbuch bog sie nach oben und spießte ihre Knete drauf, die Magnetbuchstaben sortierte sie nach allen möglichen Kriterien nur nicht nach Wortbildungsgesetzen, und mit den Drahtstücken und Leuchtdioden des Elektronik-Baukastens spielte sie Suppekochen. Ein Wunder, dass ihr eine Montessori-Waldorf-Bildungskarriere erspart blieb.

Bekanntlich prägen frühkindliche Erfahrungen fürs Leben. Meinem LÜK-Kasten-Trauma habe ich es wohl zu verdanken, dass ich angesichts der durchdidaktisierten Gassenhauern von Rechenexempeln, die man im Jahr der Mathematik allerorten antrifft, sofort in Habachtstellung gehe. Schon das semantische Brimborium drumherum erinnert stark an den „Ich lern gern!“-Bapperl vom Kinder-Wissenquiz. Von Leidenschaft ist die Rede, Magie, von Phänomenen und unserem Alltagstrott, dessen ständige Begleiterin die Mathematik vorgeblich ist. Da ist zum Beispiel das Super-Symbolfoto vom rückwärts einparkenden Auto, geometrieaffin mit weißen Linien, Kurven und einem 40-Grad-Winkel überzeichnet und garniert mit dem Mega-Mutmacher-Slogan „Du kannst mehr Mathe, als du denkst!“ Nun, zumindest besser als rückwärts einparken, was mich betrifft.

Nach Kräften versucht man da, das alte Klischee des blassen, moderesistenten, wortkargen Mathe-As, Typ „Mein Hobby sind Computer“, zu zerstören und stellt ein buntes Potpourri aus Verblüffendem, Erheiterndem und vor allem leicht Bekömmlichen für die Leser zusammen, die das mit den Brüchen noch ganz gut, ab dem mit den Icksen und Ypsilons dann aber nichts mehr verstanden haben. Denen erzählt man dann, dass Fußbälle gar keine Kugeln sind, wie der kleine Gauß mal die Zahlen von 1 bis 100 zusamengezählt hat und warum man das Tor besser wechselt beim Zonk-Spiel. Allgegenwärtiger Sub-Text: Mathe ist cool. Aber warum stelle ich mir dennoch den Verfasser reflexartig als bebrillten LAN-Party-Gänger in Karottenjeans vor? Das muss am LÜK-Kasten-Trauma liegen. Mit Superlativen angepriesene Lerninhalte? Sicher sterbenslangweilig.

Das Pendant zur Darstellung der Mathematik als Spiel, Spaß und Spannung in einem waren letztes Jahr, im Jahr der Geisteswissenschaften, die ständigen Beteuerungen, auch Orchideenfächer seien von unschätzbarem Nutzen für den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit und überhaupt vielfältigst anwendbar. Zugegeben, der Kampf gegen Klischees hat seinen Wert. Er wirkt derzeit bloß etwas übersteuert: Wenn man einfach die Negativfolie darüber legt, hat man im Prinzip nichts erreicht, dann wird aus Schwarz Weiß und umgekehrt, am Bild ändert sich sonst aber nichts.

Muss man wirklich am laufenden Band Effektvolles aus dem Hut zaubern? Muss es immer die Schokoladenseite sein? Nicht zuletzt verrät die Reformpädagogenmanier, in der die Informationen dargeboten werden, einiges über die Zielpublikumsvorstellungen der „Mathemacher“: Keiner hört zu, wenn’s nicht ordentlich knallt und stinkt.

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Adieu, Uni!

Blogmarie freut sich, als die beiden Professoren sie wieder hereinbitten und ihr zur sehr guten Prüfungsleistung gratulieren. Ein bisschen enttäuscht war sie zunächst, weil sie den Einstieg vor lauter Nervosität und akuter Denkblockaden so versemmelt hat, stolz wie Bolle ist sie jetzt über das Lob für den komplizierten Beweis, den sie in der Klausur skizzieren konnte, und dann ärgert sie sich noch über den stiefmütterlichen Kommentar zu ihrem Beweis einer Trivialität, den der Herr Professor höchstselbst nicht so elegant hinbekommen habe, wie er – die Wahrheit ungeniert beugend – behauptet. Noch ein paar Sätzchen höflicher small talk und Blogmarie leaves the building.

Dann steht sie auf der Straße und weiß nicht so recht, wohin mit sich. Eigentlich müsste sie ja jetzt stante pede ihr Telefonbuch durchtelefonieren, fünfzehn Mal hysterisch „Mit Eins und Sternenstaub bestanden!“ in ihr Handy brüllen, dann auf die nächste Kneipe zusteuern und eine Runde Schampus für alle ordern. Stattdessen wird sie vom Pathos übermannt, überquert ein allerletztes Mal den Campus, nutzt zum allerletzten Mal die Toiletten im Hauptgebäude, betritt zum allerletzten Mal die Bibliothek um ihre Bücher abzugeben, und in ihrem ganzen verbleibenden Leben wird sie nie wieder hier Bücher ausleihen, macht sie sich klar. Dabei hat sie sich erst gestern noch königlich über den ultraschwülstigen Einleitungssatz im Einladungsschreiben für die offizielle Absolventenverabschiedungsfete amüsiert: „Für Sie geht mit dem Studienabschluss ein Lebensabschnitt zu Ende und ein neuer Abschnitt beginnt.“ Jetzt findet sie plötzlich, der Herr Beamte, der die Prüfungsorganisation sachbearbeitet, habe da den Nagel ganz schön auf den Kopf getroffen.

In Melancholie ertrinkend schlurft sie zur U-Bahn, und in der Innenstadt trifft sie zufällig ihre Freundin, die gerade in der Mittagspause und nicht in der Stimmung für Empathiebekundungen ist. „Du tust mir gar nicht Leid. Jetzt geh erstmal shoppen!“ Nur womit denn, oh Henry? Meinem Studentenausweis im Kreditkartenformat? Das Leben kann so hart sein.

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No seas mufa!

„No seas mufa!“, antwortet man in Argentinien jemandem, der schwarzmalerisch unheilvolle Geschehnisse in der Zukunft heraufbeschwört. Das kann schnöde Alltäglichkeiten betreffen: „Schon kurz vor Ladenschluss. Wahrscheinlich geraten wir jetzt noch in einen Stau und kommen gerade zwei Minuten zu spät an!“, „No seas mufa!“; oder auch nationale Großereignisse: „Und wenn Messi verletzt ist? Dann verlieren wir am Ende gegen Deutschland!“, „No seas mufa!“. Es ist eine landestypische Redewendung, eine Gesprächsfloskel, und doch ein bisschen mehr als nur das: Dahinter steht der Glaube an die prophetische Macht der Worte, die man durch eben diese Formel zu bannen versucht. Man braucht den Stau nur zu erwähnen, so glaubt man in Argentinien, prompt wird ein paar Kilometer weiter die linke Fahrbahn gesperrt und man hängt gleich hinter der nächsten Kurve dem Vordermann auf der Stoßstange. Man fachsimpelt nach Feierabend in irgendeiner Hinterhofspelunke in Buenos Aires über Fußball, und padauz, stolpert Messi am anderen Ende der Welt über seine Schnürsenkel, Kreuzband hinüber, WM ade.

Natürlich ist das tumber, längst überwundener Aberglaube, dem der gebildete Atheist nicht viel abgewinnen kann. Auf der anderen Seite muss man das Unglück ja auch nicht auf Teufel komm raus herausfordern. Zum Beispiel, indem man vor der Klausur mit der Kommilitonin folgendes Gespräch führt:

  • Also, in Diskreter bin ich fit. Hab alle Übungsaufgaben nochmal wiederholt. Also alle bis auf diese eine zu Pollards Rho-Verfahren, da hatte ich so meine Verständnisschwierigkeiten, aber gut, diese eine da..
  • Kodierungstheorie. Das ist das, was ich aus der Diskreten nicht so drauf hab. Wenn wenigstens eine Diophantische Gleichung drankommt, oder irgendeine Anwendung des Chinesischen Restsatzes… boah, ich wär so dankbar.
  • Ja und die Grundvorlesungen… mein Hirn ist da zu löchrig, ich hab sie zwar nochmal angeschaut, aber das ist jetzt auch schon wieder ein paar Wochen her.
  • Geht mir auch so. Also, die Standard-Dinger hat man ja eh drauf und so die groben Zusammenhänge, aber irgendso lange Sätze mit zig Voraussetzungen, die man danach auch nicht mehr so benutzt hat, weiß ich, Satz über implizite Funktionen oder so, ob ich die dann spontan so zusammen kriege…

Jetzt darf die liebe Leserschaft aus dem vorher Gesagten selbst erschließen, welche Aufgaben der Umschlag mit der Klausur zu Tage beförderte und welche leider nicht. Zum Glück hatten wir keine Zeit mehr, uns auch noch über Topologie und Differentialgleichungen auszutauschen, das hat meine Klausur letztlich – hoffentlich – gerettet!

(PS: Lieber Herr ramses, der Satz des Pythagoras kam leider auch nicht dran. Obwohl ich den mitsamt Beweis und Folgerungen ganz locker aus dem Ärmel geschüttelt hätte… da sehen Sie, was Sie angerichtet haben!)

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Wissenschaft erklärt – heute: Topologie

Die Topologie ist ein Teilgebiet der Biologie und beschäftigt sich mit Maulwürfen. Der Terminus ist ein Lehnwort aus dem Spanischen („topología“) und setzt sich zusammen aus „topo“ – Maulwurf – und „logía“ – Lehre. Die Topologie ist eine verhältnismäßig junge Disziplin und hat ihren Ursprung in der Maulwurfplage, die Spanien 1974 heimsuchte und die fast sämtliche Stierkampfarenen des Landes in unwirtliche Erdhügelfelder verwandelte sowie gut 85% der Ernte vernichtete. Die Kollateralschäden für die Panis-et-circenses-Politik Francos waren beträchlich, weshalb der Diktator alle namhaften Biologen des Landes mit der Erforschung der pelzigen Staatsfeinde und der Entwicklung von Strategien für ihre systematische Vernichtung beauftragte. Trotz der im großen Stil veruntreuten Steuergelder reichten die ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel jedoch nicht aus, um seiner Exzellenzcluster-Initiative zu raschem Erfolg zu verhelfen, was schließlich – wie man weiß – das Ende seiner Diktatur einleitete.

Die Topologie überdauerte die Franco-Diktatur und war bald auch außerhalb der Iberischen Halbinsel anerkannte Teildiszilin der Biologie. Die theoretischen Resultate wurden in den Folgejahren in Australien praktisch erprobt, erwiesen sich jedoch noch als unzulänglich: Der Einsatz monoseptischer D17-Aminosäuren setzte nicht nur wie intendiert die Zeugungsfähigkeit der Maulwürfe herab sondern auch die sämtlicher einheimischer Beuteltierarten, während sich die aus Südamerika eingeführten Aga-Kröten als restistent erwiesen, wodurch das ökologische Gleichgewicht empfindlich und nachhaltig gestört wurde.

Infolge des Paradigmenwechsels der 90er Jahre betrachtet man den Maulwurf heute nicht mehr als Schädling, sondern erforscht seinen Nutzen für den zivilisatorischen Fortschritt. So fand man beispielsweise heraus, dass die von ihm angelegten unterirdischen Tunnelsysteme ausbaufähig sind. In vielen europäischen und nortamerikanischen Metropolen erweiterte man sie zu Verkehrsnetzen der Metro, und auch dem Entwurf des Eurotunnels lagen die unterirdischen Wanderpfade dieser Tiefbaupioniere zugrunde.

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