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Impressionen aus Andalusien

Lange bevor es mich gab, reisten meine Eltern nach Spanien und lernten in einem Fischerdorf an der andalusischen Küste María kennen, deren jüngste Tochter eine exotische schwarzhaarige Schönheit war. Sie beschlossen, ihre Erstgeborene nach ihr zu benennen: Mediterran wirkt zwar so ziemlich gar nichts an mir, ihren spanischen Vornamen habe ich aber trotz Blondschopf und Sommersprossen bekommen. Inzwischen habe ich ihn durch einen spanischen Nachnamen ergänzt und das Ganze durch ein Spanisch-Studium zu einem harmonischen Gesamtbild abgerundet. Wohlgemerkt ohne bisher einen Fuß auf spanisches Festland gesetzt zu haben, von einem vorübergehenden Inselexil einmal abgesehen. Da gab es keine Flamenco-Tänzerinnen und keine Toreros, keine Tapas zum Bier und keine weißverputzen Häuser mit Patio und bunten Wandkacheln. Und wohin fährt der Japaner auf der Suche nach Dirndln und Weißwürsten? Also war klar, ins spanische Bayern soll die Reise gehen: nach Andalusien. Zweiter Grund: der Löwenhof der Alhambra. Dritter Grund: das Fischerdorf, aus dem mein Name stammt.

Das kleine malerische 100-Seelen-Fischerdorf ist keines mehr, längs der gepflasterten Uferpromenade eine lange Reihe von Touristen-Lokalen, Marías Herberge unauffindbar. Durchfragen ging nicht, es war bewölkt und sehr windig, die Lokale geschlossen, kein hilfsbereiter Alteingesessener auf der Straße. Die zweieinhalb Stunden Wartezeit bis zum nächsten Bus haben wir in der Kneipe am Eck abgesessen.

Im Löwenhof gab es keine Löwen zu sehen, die waren zwecks Restaurierung abtransportiert worden. Was mir kaum auffiel, ich stolperte wie Hans Guck-in-die-Luft mit offenem Mund durch die Gänge und Räume des Nasriden-Palastes, den Blick auf Kapitelle, Arkaden und Kuppeln gerichtet. Ab und zu stieß ich mit beflissenen Bildungsbürgern zusammen, die sich auf jeder Schwelle in ihren Alhambra-Führer vertieften auf der Suche nach Jahreszahlen, Erbauernamen und Architekturstilbeschreibungen, und wahrscheinlich kann man mich auch auf etlichen Ich-vorm-Löwenhof-Urlaubsfotos am linken Rand oder im Hintergrund bestaunen.

In die Sommerresidenz von Frederico García Lorca führte der Herdentrieb die Touristenmassen nicht. Viel zu sehen gebe es dort nicht, stand lakonisch in meinem Andalusien-Führer, und die Hochhäuser rund um den Park seien ausgeprochen hässlich. Zu sehen gab es die Originaleinrichtung und den Schreibtisch, an dem García Lorca einige seiner wichtigsten Werke verfasst hat, ein paar Manuskripte, Korrespondenzen, Fotos – mehr gibt so ein Schriftsteller halt naturgemäß nicht her, und trotzdem lohnt der Besuch. Außer uns beiden nahm nur eine ältere Dame an der Führung teil. Die junge Literaturwissenschaftlerin ließ nicht gerade weitschweifig über Leben und Werk aus und schaute immer unangenehm herausfordernd fragend in die Runde – woraufhin die ältere Dame berichtete, sie hätte früher auch so einen alten Feuerofen besessen, und mein Göttergatte die Vorzüge der Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer lobte. Die junge Literaturwissenschaftlerin amüsiert sich sicher königlich bei ihrer Arbeit.

Flamenco-Tänze haben wir auch gesehen, und Toreros, in den Bars haben wir Tapas zum Alhambra-Bier bekommen und unsere Pension hatte einen Innenhof und bunte Kacheln an der Wand. Das Altstadtviertel Granadas ist ein am Berghang gelegenes Labyrinth aus engen Gässchen und weißgetünchten Häusern mit roten Blumenkissen auf den Dächern und grandiosem Blick auf die Alhambra; Almería ein verschlafenes, semimodernes Provinznest mit Anglern am Kai und vierspuriger Küstenstraße, mit blank polierten, von Palmen gesäumten kleinen Plätzen und Shopping-Meile im Zentrum.

Shoppen kann man ganz prima in Spanien – zumindest Menschen mediterranen Wuchses wie ich, die regelmäßig an den deutschen Wallkürenkonfektionsgrößen verzweifeln; und der Besitzer der kleinen Buchhandlung hat sich nach meinem Besuch vermutlich zur Ruhe gesetzt und fristet nun den Rest seines Daseins in einer Finca auf Mallorca. Der andalusische Tagesrhythmus sagt mir auch durchaus zu – mittags Siesta, abends Fiesta; ich war schon drauf und dran, meinen Rückflug zu stornieren, aber dann fiel mir ein, dass das vielleicht auch an den Massen an Studenten in Granada liegen könnte.

Die Postkartenschreiber unter uns vermissen jetzt vermutlich noch zwei essentielle Infomationen. Les voilà : Das andalusische Essen ist bestimmt sehr lecker, aber ich mag weder Fisch noch Meeresfrüchte noch Kaninchen, selbst wenn ich mir solche Köstlichkeiten hätte leisten können. Das Weißbrot aus dem Supermarkt schmeckt jedenfalls wie überall sonst, nach zwei Wochen überkommt einen bloß so ein leichter Überdruss. Das Wetter war schlecht. Schlappe 20 Grad, sogar ab und zu ein Wölkchen. Meinen zarten Alabasterkörper habe ich diesmal sorgfältig vermummt und eingecremt, sogar an Kopfhaut und Zehen gedacht. Bloß an die Ohren nicht. Die leuchten jetzt so rot wie die Krebse auf dem Fischmarkt von Almería.

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Urlaubsplanung

Göttergatte (maulend): „Ich will aber nicht nach Barcelona, ich will ans Meer!“

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Übersetzung und ihre Tücken

Heute wieder: Spaß mit Google. Da sucht man ganz arglos nach Erläuterungen zur Polya-Urne, hat die Spracheinstellungen nicht angepasst, und findet so durch Zufall heraus, dass das Ding auf spanisch tatsächlich „urna de Pólya“ heißt. Hätte man die Homophonie mit „polla“ nicht wenigstens durch einen Akzent auf der zweiten Silbe entschärfen können?

Nun kann es ja auch sein, dass mein nicht-muttersprachliches und daher unvollkommenes mentales Assoziationsnetz mir hier ein Schnippchen schlägt. Muss ich mir Sorgen machen, weil mir sofort die vulgäre Bedeutung in den Sinn kommt? Sexualneurose, krankhafte libidinöse Besetzung meines Wortschatzes als Kompensation für irgendwas? Denkbar, ein Blick in den Salamanca fördert jedenfalls noch fünf weitere Wortbedeutungen zu Tage.

Wobei es das auch schon mal gab. Als nämlich Mitsubishi sein neuestes Modell „Pajero“ nannte. Bei der Namensgebung hatte man von Anfang an den südamerikanischen Markt im Blick, für den Produktnamen stand (Wiki zufolge) eine Katzenart der Pampa Pate. Nun ist „pajero“ ein Teekesselchen und geläufig vor allem als Schimpfwort für Männer, die… nun ja… nur sich selbst brauchen, um Spaß zu haben. Was man allerdings erst nach der Markteinführung merkte. Das Hallo war in der spanischsprachigen Welt entsprechend groß, und man taufte den Wagen für die betroffenen Länder eilig in „Montero“ um. Trotzdem las man in der Folge pikierte Ermahnungen, man solle halt nicht immer gleich so abwegig assoziieren, schließlich bedeute „pajero“ in erster Linie „Strohhändler“. Soviel zur Polysemie mancher Wörter.

Welche Reaktionen die „urna de Pólya“ so auf den Plan ruft, habe ich mich dann natürlich auch gefragt. In einem Vorlesungssaal mit etwa 20-jährigen und zumeist männlichen Mathematikstudenten im dritten Semester? Wahrscheinlich ähnliche wie die unsrige in der Französisch-Übersetzungs-Übung, als eine Kommilitonin den Satz „Auf der Bühne wippte er lässig im Takt der Musik, während das Publikum tobte“ übersetzte mit „… il se branle nonchalamment… „. Auf der Bühne. Vor begeistertem Publikum. Der Ausdruck blieb hängen, was man vom restlichen Stundenverlauf nicht behaupten konnte.

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Die Spanier und die Utopie

Samstag Nacht. Gerade ist der spanische Film zu Ende, den mein Mann sich angeschaut hat. Zu meiner Überraschung zieht er meinen Salamanca – den Duden Spaniens – aus dem Regal und beginnt, eifrig darin zu blättern.

  • Sonst alles in Ordnung? Was machst du denn mit meinem Salamanca?
  • Naja, ich such halt ein Wort?!
  • Aha. Kann man helfen? Welches denn?
  • Autopie.
  • Was soll das denn sein?
  • Na, das haben die in dem Film dauernd gesagt.
  • Und du bist sicher, du hast das richtig verstanden? Vielleicht meinst du Autopsie?
  • Nein, Autopsie, das weiß ich, was das ist. Wenn die die Leichen aufschneiden.
  • Oder vielleicht Utopie?
  • Utopie? Nein…oder doch…könnte sein.

Wir lesen die Worterläuterung: „Sehr gute Idee oder Doktrin, die in dem Moment, in dem sie entwickelt wird, nicht realisierbar ist“.

  • Ach, das isses. Utopie, das haben die dauernd gesagt! Die Utopie der Menschen…
  • Also, das kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass die das Wort so verwendet haben. Man sagt das eher… also zum Beispiel, wenn jemand ein politisches Konzept zur Verdreifachung des Nettodurchschnittslohns in den nächsten fünf Jahren vorstellt, und du findest das nicht überzeugend, dann kannst du sagen: Das ist doch Utopie! Oder: Das ist doch utopisch!
  • Ach so. Jedenfalls, in Südamerika benutzt man das Wort nicht. Diese Spanier, typisch, was die wieder für Wörter erfinden…

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