Posts tagged Stimme der schweigenden Mehrheit

Rohr-Ohr-Zucker

Eines vorweg: Ich kaufe nicht in Bioläden. Ich kenne zwar einen, aber da habe ich Hausverbot, seit ich wegen der unschönen Runzelstellen an den Karotten Preisnachlass verlangt habe. „Das ist Natur“, empörte sich Langhaar-Schorsch damals, schön und gut, entgegnete ich, aber da gibt es ja Mittel und Wege, vor allem Mittel, davon kauft man sich halt mal ein paar Kanister, besorgt sich noch kostengünstig einen ausrangierten Agent-Orange-Helikopter, sprüht den Mist auf die Felder und gut iss. Wahrscheinlich würde es auch reichen, wenn man statt dieser Energiesparfunzeln ein paar ordentliche 1.000-Watt-Neonröhren über dem Gemüseregal anbringen würde, die bügeln die Mäkel zumindest optisch aus. Dazu noch eine Sprinkleranlage für die Frische-Illusion, dann kaufe auch jeder klaglos seine Schrumpelmöhren und schneckenzerfressenen Kohlköppe, erklärte ich Langhaar-Schorsch, der mich daraufhin des Hauses verwies.

Sie brauchen jetzt gar nicht so empört nach Luft schnappen. Hand aufs Herz (wir sind ja unter uns), Sie kaufen doch auch keinen Fair-Trade-Kaffee, wenn der „Preistipp der Woche“ daneben nur halb so viel kostet. Der Wohlstand der Ersten Welt wird ohnehin überschätzt, das glauben doch diese Bootsflüchtlinge, die Spanien und Italien überschwemmen, dass hier die Geldbäume auf der Straße wachsen, die werden auch noch auf den harten Boden der realen Tatsachen fallen, von nix kommt nix, wir in Europa mussten uns schließlich auch unser hartes Brot erarbeiten. Und da kann man sich auch mal Erdbeeren gönnen, auch im Winter, die Brummi-Fahrer wollen schießlich auch von irgendwas außer der Hand im Mund leben. Die werden schließlich auch gebraucht und müssen sich nicht schämen, Ärzte, klar, das ist der ehrbarere Beruf, aber es kann ja nicht jeder Arzt werden. Außerdem, das darf man schließlich auch nicht vergessen, wir importieren die Erdbeeren im Winter ja aus den heißen Kontinenten und bezahlen in guten harten deutschen Euros und die wiederum stecken sie mir nichts dir nichts in die eigene Tasche, Doppelmoral ist da also schon auch mit im Spiel. Mit der Erderwärmung wird das eher noch besser, je heißer, desto mehr Erdbeeren kann man auch anbauen. In der Opferrolle sehe ich persönlich da niemanden.

Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf und kehren zu unserem Bioladen zurück. Ohne Quechua-Suaheli-Urdu-Deutsch-Wörterbuch hat man da ja zum Teil gar keine Chance, weil die ja auch nichts in gescheiten transparenten Plastiktüten verpacken. Ich kaufe doch kein Jute-Säckchen, nur, weil da „Quinoa“ draufsteht. Von den Amaranth-Samen habe ich mir mal einen Karton zugelegt, als mir die Geranien auf dem Balkon alle erfroren sind, so exotische Amaranth-Blüten machen schon was her, dachte ich. Leider haben die Tauben sämtliche Kübel restlos leergepickt, und denen sind die Samen derart auf den Magen geschlagen, dass ich den ganzen Tag gebraucht habe, um den Dreck vom Geländer zu kratzen. Den hätte ich eigentlich eintüten sollen, in transparenten Plastikbeuteln, und bei Langhaar-Schorsch zurück ins Regal stellen, direkt neben die Amaranth-Samen, aber wir sind ja zivilisierte Leute.

Lange Rede, kurz und gut, da sieht man wieder, dass zu viele Fremdsprachen im Hirn kollidieren und bloß Chaos veranstalten, jedenfalls hat das Deutsch der Bioproduktentwickler heftig darunter gelitten. Denn was lese ich auf der Biozucker-Tüte?

rohrzucker3.jpg Rohr-Ohr-Zucker?

Ja glaubt man da noch, dass Produkt-Namen vom Marke-Tingmana-Gement über Wer-Best-Rate-Gen bis hin zu den Kata-Logset-Zern gut und gerne 10 Instanzen durchlaufen, bis sie auf der Verpackung landen? Richtig eingesetzt können Bindestriche durchaus dazu beitragen, den Sinn von Wortkomposita zu desambiguisieren. Ich werde gleich mal einen Brief aufsetzen: „Lieber Langha-arsch-orsch!“

 

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