Posts tagged Uni

Adieu, Uni!

Blogmarie freut sich, als die beiden Professoren sie wieder hereinbitten und ihr zur sehr guten Prüfungsleistung gratulieren. Ein bisschen enttäuscht war sie zunächst, weil sie den Einstieg vor lauter Nervosität und akuter Denkblockaden so versemmelt hat, stolz wie Bolle ist sie jetzt über das Lob für den komplizierten Beweis, den sie in der Klausur skizzieren konnte, und dann ärgert sie sich noch über den stiefmütterlichen Kommentar zu ihrem Beweis einer Trivialität, den der Herr Professor höchstselbst nicht so elegant hinbekommen habe, wie er – die Wahrheit ungeniert beugend – behauptet. Noch ein paar Sätzchen höflicher small talk und Blogmarie leaves the building.

Dann steht sie auf der Straße und weiß nicht so recht, wohin mit sich. Eigentlich müsste sie ja jetzt stante pede ihr Telefonbuch durchtelefonieren, fünfzehn Mal hysterisch „Mit Eins und Sternenstaub bestanden!“ in ihr Handy brüllen, dann auf die nächste Kneipe zusteuern und eine Runde Schampus für alle ordern. Stattdessen wird sie vom Pathos übermannt, überquert ein allerletztes Mal den Campus, nutzt zum allerletzten Mal die Toiletten im Hauptgebäude, betritt zum allerletzten Mal die Bibliothek um ihre Bücher abzugeben, und in ihrem ganzen verbleibenden Leben wird sie nie wieder hier Bücher ausleihen, macht sie sich klar. Dabei hat sie sich erst gestern noch königlich über den ultraschwülstigen Einleitungssatz im Einladungsschreiben für die offizielle Absolventenverabschiedungsfete amüsiert: „Für Sie geht mit dem Studienabschluss ein Lebensabschnitt zu Ende und ein neuer Abschnitt beginnt.“ Jetzt findet sie plötzlich, der Herr Beamte, der die Prüfungsorganisation sachbearbeitet, habe da den Nagel ganz schön auf den Kopf getroffen.

In Melancholie ertrinkend schlurft sie zur U-Bahn, und in der Innenstadt trifft sie zufällig ihre Freundin, die gerade in der Mittagspause und nicht in der Stimmung für Empathiebekundungen ist. „Du tust mir gar nicht Leid. Jetzt geh erstmal shoppen!“ Nur womit denn, oh Henry? Meinem Studentenausweis im Kreditkartenformat? Das Leben kann so hart sein.

Advertisements

Comments (4) »

Kaffee

Ich lasse mir da von der Lebensmittelherstellerlobby nichts einreden: Proteine, Vitamine und Mineralstoffe sind Erfindungen von Großkonzernen, genauso wie diese Joghurtbakterienkulturen, ohne die wir angeblich in schwarzweiß durch die Welt schlurfen, und das ist ja wohl zweifellos eine dreiste Lüge. Wenn Sie dem jetzt widersprechen, dann weiß ich nicht, von welchen mir unbekannten wahrnehmungsverflachenden Nährstoffen Sie sich so ernähren, mein Körper funktioniert jedenfalls auf Koffeinbasis, und ich sehe immer alles in Multicolor.

Ich habe auch neulich erst aus verlässlicher Quelle (dem Infoscreen in der U-Bahn-Station) erfahren, dass ein ordentlicher Koffeinschock am Morgen die Gehirnzellen erst richtig auf Trab bringt. Das ergab eine vermutlich mit unseren Steuergeldern finanzierte psychologische Studie, in der eine Probandengruppe bis Unterkante Oberlippe mit Espresso abgefüllt in einem Intelligenztest gegen eine andere, stocknüchterne antrat. Die Kontrollgruppe erhielt wahrscheinlich Ost-Muckefuck als Placebo, aber das ist jetzt nur meine persönliche Vermutung.

Ich gehöre nicht zu jenen Kaffepuristen, die schmerzerfüllt wegen sich aufrollender Fußnägel das Gesicht verziehen, wenn man Starbucks auch nur erwähnt. Meist setze ich dann aus purem Sadismus noch einen drauf und schwärme vom Extra Shot Expresso im Latte Matschiato, der den Karamel-Flavour erst richtig zur Geltung bringt. Das ist nicht mal gelogen. Ich zahle auch ohne schlechtes Gewissen zweimal die Woche die Vier Euro Fuffzig, die wahrscheinlich ohne Abzug von Kaffeebauerlöhnen por completo in die Taschen eines amerikanischen Immobilienmarktgroßinvestors wandern, und jammere auch trotzdem über meine studentische Dauerfinanzkrise. Man muss die kognitive Dissonanz eben auch mal kognitive Dissonanz sein lassen.

Mit der Brühe von der Unicafeteria habe ich aber dagegen eher schlechte Erfahrungen gemacht. Jetzt nicht, weil sie immer höchstens lauwarm und viel zu dünn ist, dafür ist sie ja billig. Mir ist es aber zweimal passiert, dass so ein Rastlockenschluri vor mir seinen Becher hat fallen lassen, der knapp einen halben Meter von meinen Füßen entfernt auf dem Boden landete. Da half es dann auch nicht, dass Mister Jamaika, unverständliche Entschuldigungen murmelnd, zum Tempo griff und unbeholfen an meinen Schuhspitzen herumtupfte, das Problem war ja eher das übelriechende Kuhmuster auf der weißen Hose, in der ich noch vier Seminare überstehen musste.

Einmal habe ich es auch ganz ohne fremde Hilfe geschafft, mich von Kopf bis Fuß mit Kaffee zu übergießen. Selbiger befand sich zu Beginn der Vorlesung noch im Pappbecher, ein Großteil davon auch noch kurz vor Vorlesungsschluss, als ich beschloss, mich möglichst unauffällig und lautlos vorzeitig aus dem Saal zu schleichen. Eine ungeschickte Bewegung mit dem Ellbogen genügte und der Inhalt ergoss sich weiträumig quer über die Bank, auf mich, und auf die Kommilitoninnen vor mir, die alles andere als unauffällig und lautlos losquieckten. Ich habe mir selten dringlicher gewünscht, im Erdboden zu versinken.

Comments (11) »

Asymmetrische Primkörper oder warum hier erstmal Schluss ist mit lustig

Die lieben Kommilitonen lernen seit gut einem Jahr diszipliniert, gewissenhaft und in verträglichen kleinen Dosen, Blogmarie merkt erst zwei Wochen vorher, dass sie längst rückwärtig im Grundeis steckt. Sie hat das letzte halbe Jahr damit zugebracht, Inkohärentes in den Äther zu quäken. Nach Gutsherrenart hat sie mal hier mal da gepöbelt, um dann zeternd weiter zu rauschen. Nicht nur interaktiv, sondern auch ganz klassisch, im Café zusammen mit den Schnatterlieschen ihres nicht-virtuellen sozialen Netzes. Den Rest der Zeit hat sie geschlafen. Sich selbst hat sie nicht auf die Prüfungen vorbereitet, wohl aber ihre Umwelt, z.B. ihren Chef, dem sie etliche Tage Lern-Sonderurlaub aus den Lippen gereiert hat.

Konsequenz? Abstinenz. In Blog- und allen sonstigen Belangen. Für zwei Wochen. Statt dessen gefühlte 48 Stunden am Tag im Schweinsgalopp durch die Mathematik, von Automorphismen bis zu Zellkomplexen und zurück, Differentialgleichungen rauf und Poissonverteilungen runter. Mit exponentiell wachsendem Lernfortschritt versteht sich. In der Klausur haut sie dann sowas von rein, es sei denn, sie versteht die Aufgabenstellungen nicht. Ein leeres Blatt gibt sie dann aber trotzdem nicht ab, denn sinnfreie Kommentare sind uns allen ja lieber als gar keine Reaktion, deswegen hat sie sich für den Fall der Fälle vorgenommen, zu jeder Frage ein hübsches kleines Antwortsätzchen zu verfassen. „Werter Herr Prof. Dr. Klöbner, selbstverständlich ist jeder Primkörper asymmetrisch, alle Körper sind das, schauen Sie nur mal in den Spiegel. Prim ist generell ein unattraktiver Zug, da bleibt beim Dividieren immer dieser unschöne Rest, ich habe nie verstanden, wie man den wegkriegt. Wie dem auch sei, das kommt mir nicht in die Wanne, ehrehrbietig, Müller-Lüdenscheid.“

Und danach? Je nachdem. Versicherungsprämien berechnen oder Sanitäranlagen pflegen. In ein paar Wochen weiß Blogmarie mehr und teilt es Ihnen mit. Bald. Hier. Es bleibt also spannend.

Comments (5) »

Kurz Zeit für eine Umfrage?

Ich nehme gern an Umfragen teil. Schneuze auf Aufforderung lautstark und mit Hingabe in 10 Papiertaschentücher, die ich dann mit Attributen wie „nasenhautschonend“ und „schneuzfest“ beschreibe. Teile nicht nur mit, welcher Werbespot für Damenhygieneprodukte mir besser gefällt, sondern ergehe mich in weitschweifigen Exposés über die Frage, was den Wohlfühlfaktor bei Tampons ausmacht.

So habe ich wohl irgendwann bei gedankenverlorenem Internetsurfen instinktiv auf das Reizwort „Umfrage“ reagiert und bereitwillig meine E-mail-Adresse hinterlassen, bei einem Unternehmen aus der Branche „Hochschulentwicklung“. Was ich bis gestern gar nicht wusste, ich vermutete anfänglich Schavan & Konsorten hinter den als Umfragen getarnten Bachelor-Master-Werbeaktionen, die regelmäßig in meinem Postfach landeten.

Erst gestern habe ich mir die Mühe gemacht, Informationen über den Urheber einzuholen, und zwar nach einer Meinungsumfrage, deren Fragen offensichtlich passgenau auf die anschließende statistische Manipulation der Daten abgestimmt waren. Offiziell ging es um die Frage, ob und inwiefern sich die Qualität der Lehre seit der Umstellung auf Bachelor und Master verbessert hat, inoffiziell um die Tatsache, dass sie sich seitdem ganz entscheidend verbessert hat.

Eine Frage lautete sinngemäß: „Wie beurteilen Sie folgende Dinge in Bezug auf Ihre Berufsaussichten nach dem Studium?“. Die Items waren auf einer Skala von „eher nachteilig“ bis „eher von Vorteil“ zu bewerten: Praktika absolvieren, Fremdsprachen lernen, ein Auslandssemester, Anwendungsbezug der Lehrveranstaltungen etc.

Auf rhetorische Fragen antworte ich gerne mal erwartungskonträr und setzte meine Kreuzchen also durchgehend auf „eher nachteilig“. Im Folgenden erschloss sich mir dann, dass eben diese Punkte wohl Teile des neuen Curriculums sind, deren Umsetzung nun beurteilt werden sollte. Mit „eher schlechter geworden“ konnte man hier freilich nicht mehr antworten: Die Skala reichte von sinngemäß von „gleich geblieben“ bis „erheblich verbessert“. Besonders amüsant: das Item „mehr Lehrveranstaltungen auf englisch?“. Da musste ich an meinen Prof aus Niederbayern denken, der guten Willen zeigte, sein Schulenglisch entstaubte und frohgemut seine Vorlesungen in dialektal eingefärbtem Denglisch vortrug.

Ganz falsch war meine Vermutung, Schavan habe da ihre Finger im Spiel, nicht: Die Hochschulinformationssystem GmbH wird bei ihren Umfragen vom Bildungsministerium unterstützt. Ein vorbildliches Projekt! Und da soll noch einer sagen, die Politik von heute sei bloß blinder Aktionismus! Ein Lob an dieser Stelle, toll, dass sie die Studenten mal so ganz persönlich per Email befragen, die Idee und die Umsetzung sind wirklich gut bzw. gerade gut bzw.

gerade gut genug für meinen Spamfilter!

Comments (2) »

Schubladendenken

… ist eine Art zu denken, die man immer nur bei anderen feststellt, aber nie bei sich selbst. Zum Beispiel bei blondierten und bornierten Mitabsolventinnen, die sich für die crème de la crème der Bildungselite halten und fortan nur noch in akademischen Kreisen verkehren. Die sich mondän geben seit dem Auslandssemester in Irland, das Papa spendiert hat, und der Weltreise nach dem Examen, ebenfalls ein Geschenk von Papa als Belohnung für das gute Zeugnis. Die mit dem gemeinen Volk aber nie in Kontakt gekommen sind, weil sie nicht halbtags nebenher ihre Brötchen verdienen mussten. Die ihr Rekordzeitstudium und den Einser-Schnitt trotzdem einzig und allein ihrer phänomenalen Intelligenz zuschreiben.

Und dann trifft man auf der Absolventenfeier (zu der man nur der Form halber erschienen ist) auf so eine blondierte Mitabsolventin, die kein bisschen arrogant ist, über niemanden lästert und keine aus Vorurteilen gesponnenen Reden schwingt. Die einen bei aller Flüchtigkeit der Bekanntschaft herzlich begrüßt, und mit der man sich ganz prima unterhält.

Dann beginnt man klammheimlich und ziemlich beschämt, die Etiketten von den eigenen Schubladen zu kratzen.

Comments (7) »