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Schubladendenken

… ist eine Art zu denken, die man immer nur bei anderen feststellt, aber nie bei sich selbst. Zum Beispiel bei blondierten und bornierten Mitabsolventinnen, die sich für die crème de la crème der Bildungselite halten und fortan nur noch in akademischen Kreisen verkehren. Die sich mondän geben seit dem Auslandssemester in Irland, das Papa spendiert hat, und der Weltreise nach dem Examen, ebenfalls ein Geschenk von Papa als Belohnung für das gute Zeugnis. Die mit dem gemeinen Volk aber nie in Kontakt gekommen sind, weil sie nicht halbtags nebenher ihre Brötchen verdienen mussten. Die ihr Rekordzeitstudium und den Einser-Schnitt trotzdem einzig und allein ihrer phänomenalen Intelligenz zuschreiben.

Und dann trifft man auf der Absolventenfeier (zu der man nur der Form halber erschienen ist) auf so eine blondierte Mitabsolventin, die kein bisschen arrogant ist, über niemanden lästert und keine aus Vorurteilen gesponnenen Reden schwingt. Die einen bei aller Flüchtigkeit der Bekanntschaft herzlich begrüßt, und mit der man sich ganz prima unterhält.

Dann beginnt man klammheimlich und ziemlich beschämt, die Etiketten von den eigenen Schubladen zu kratzen.

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Die Spanier und die Utopie

Samstag Nacht. Gerade ist der spanische Film zu Ende, den mein Mann sich angeschaut hat. Zu meiner Überraschung zieht er meinen Salamanca – den Duden Spaniens – aus dem Regal und beginnt, eifrig darin zu blättern.

  • Sonst alles in Ordnung? Was machst du denn mit meinem Salamanca?
  • Naja, ich such halt ein Wort?!
  • Aha. Kann man helfen? Welches denn?
  • Autopie.
  • Was soll das denn sein?
  • Na, das haben die in dem Film dauernd gesagt.
  • Und du bist sicher, du hast das richtig verstanden? Vielleicht meinst du Autopsie?
  • Nein, Autopsie, das weiß ich, was das ist. Wenn die die Leichen aufschneiden.
  • Oder vielleicht Utopie?
  • Utopie? Nein…oder doch…könnte sein.

Wir lesen die Worterläuterung: „Sehr gute Idee oder Doktrin, die in dem Moment, in dem sie entwickelt wird, nicht realisierbar ist“.

  • Ach, das isses. Utopie, das haben die dauernd gesagt! Die Utopie der Menschen…
  • Also, das kann ich mir jetzt nicht vorstellen, dass die das Wort so verwendet haben. Man sagt das eher… also zum Beispiel, wenn jemand ein politisches Konzept zur Verdreifachung des Nettodurchschnittslohns in den nächsten fünf Jahren vorstellt, und du findest das nicht überzeugend, dann kannst du sagen: Das ist doch Utopie! Oder: Das ist doch utopisch!
  • Ach so. Jedenfalls, in Südamerika benutzt man das Wort nicht. Diese Spanier, typisch, was die wieder für Wörter erfinden…

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